Kurzgeschichten

Hier können Sie einige meiner Kurzgeschichten lesen. Wenn Ihnen die Geschichten gefallen, freue ich mich über ein kleines Feedback.
 
Das andere Gesicht

Sie stutzte, als sie den Mann, der nur wenige Meter von ihr entfernt ein Schaufenster betrachtete, zu erkennen glaubte, verzögerte ihren Schritt und blieb stehen. Dann musterte sie die in den Anblick irgendeines Gegenstandes vertiefte Gestalt genauer. Die Ähnlichkeit war frappierend. Er wandte ihr nur sein Profil zu, aber nach wenigen Augenblicken war sie sicher. Die gerade Stirn, die fast ohne Unterbrechung in den Nasenrücken überging, das nicht besonders ausgeprägte, aber dennoch entschlossen wirkende  Kinn, der Ansatz des dunkelbraunen, jetzt mit grauen Strähnen durchsetzten Haares. Er war es: Hans. weiterlesen

 

 

 Ein Tag im Herbst

Ludwig Grimm träumte oder war sein Traum schon zu Ende? Befand er sich bereits in jener schmalen Zone zwischen Wachen und Träumen, die man als Halbschlaf bezeichnet? Er wusste plötzlich, dass Jutta wach lag. Und wenn sie wach lag, dann dauerte es nur Sekunden, allerhöchstens eine Minute, bis er begriffen hatte, ob sie nur eben die Oberfläche des Wachseins berührte, um gleich darauf wieder hinabzusinken in eine still durchatmete Ruhe, oder ob ihre Gedanken angefangen hatten zu kreisen. weiterlesen

 
Herzstolpern

“Sie hat damals alles vernichtet, was auf die Herkunft des kleinen Jungen hinwies. Die Monogramme in der Babywäsche und in dem Mäntelchen, das er anhatte. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der Kleine nicht ihr Kind war. Papiere ließen sich besorgen. Eine Geburtsurkunde hat sie auch beschafft. Ausgestellt auf den Namen Detlef Brandner. Ja, unsere Familie kam aus Salzburg, vor langer Zeit, damals, als viele Salzburger in Ostpreußen eine neue Heimat fanden. Wie? Ja, natürlich habe ich ihr versprechen müssen, nie jemandem von der Herkunft des Jungen zu erzählen. Es sollte ihr Kind sein, ganz allein ihr Junge. Detlef.” weiterlesen

 
Der Bussard

Franklin Lakes hatte sich in den äußersten Winkel seines Gartens zurückgezogen. Er tat das öfter in letzter Zeit, um sich das Gefühl zu geben, wenigstens für Stunden von allem entfernt zu sein, was ihn sonst in Anspruch nahm – von der Börse, den Telefonaten und Faxgeräten in seinem Haus, von seinen Kollegen, deren Sinnen und Trachten einzig dem “Markt” und seiner rätselhaften Psyche galt. Er tat es aber auch, um sich für kurze Zeit den sanfteren  Nachstellungen seiner Frau und seiner Töchter sowie den Anrufen und Erkundigungen seiner Freunde zu entziehen. weiterlesen

 
Die Heimkehr

Es ist noch früh am Tage, als ich meinen Anstieg beginne. Hinter den Bergen im Osten ist die Sonne bereits aufgegangen. Die Aura von Licht, mit der sie die Konturen der Gipfel und Grate im Osten umgibt, strahlt von Minute zu Minute heller. Die hoch gelegenen Hänge gegenüber im Westen leuchten bereits im Sonnenlicht: smaragdfarben die Wiesen, stumpfer das dunklere Grün der Nadelwälder. Die gekalkte Fassade eines Bauernhofs blitzt auf, als hätte sich ein Lichtstrahl in einen Edelstein verirrt, daneben schimmert das dunkle und beruhigende Braun der Scheunen und Speicher. weiterlesen

 
Du fehlst mir.

Die Stelle im Krankenhaus Findling habe ich damals nur wegen der schönen Umgebung angenommen. Die Klinik liegt etwas erhöht, und viele Krankenzimmer gewähren ihren meistens nicht sehr kranken Insassen einen reizvollen Blick auf den Spatzenberger See und dessen östliches Ufer. Dort liegt Hügel, ein malerischer Ort, und am Ostufer selbst gibt es so manche  verschwiegene Stelle, die in der Erinnerung des hier ansässigen frommen und rechtschaffenen Volkes mit den glücklichen und auch mit den weniger glücklichen Stunden ihres verehrten Königs Leopold verbunden sind. weiterlesen

 
“Du glaubst es nicht”

Natürlich war Frieda Nothnagel auch auf dieses Ereignis vorbereitet. Wer dafür zu sorgen hat, dass drei Kinder jeden Morgen pünktlich zur Schule gehen, dass sie dort nicht unvorbereitet erscheinen, sondern mit den erledigten Hausaufgaben im Gepäck, wer allen vier Kindern nach ihrer Rückkehr aus der Schule zusammen oder zu individuell beanspruchten Zeiten ihr Mittagessen vorsetzt, und dies jeden Tag, wer einen Mann zu versorgen hat, dem Hund Benno, einer zugelaufenen Promenadenmischung, täglich Wasser hinstellt, hierin allerdings unterstützt von Elise, der ältesten Tochter, wer alle Familienferien und die Wochenendbesuche bei den Verwandten Franz und Eva Nothnagel zu planen hat, weil sich sonst niemand um diese Dinge kümmert, wer überdies allen Papierkram für die Familie erledigt, Versicherungsbeiträge zahlt, Steuererklärungen ausfüllt, überhaupt alles abwickelt, was mit Behörden zu tun hat, der muss einfach vorausdenken und planen und alle Eventualitäten bedenken. weiterlesen

 
Wie alles begann …

Die Gesellschaft hatte sich aus dem Garten ins Haus bewegt und war nun im Begriff, an dem festlich gedeckten langen Tisch im Salon Platz zu nehmen. Dieser Vorgang nahm etwas Zeit in Anspruch, weil die Hausherrin Platzkarten verteilt und auf diese Weise eine Sitzordnung hergestellt hatte, von der sie sich eine angeregte Unterhaltung versprach. Der Ehrengast, ein namhafter Diabetologe aus Frankfurt am Main, der einige Stunden zuvor im Institut einen Vortrag gehalten hatte, saß rechts von ihr. Die Frau des Ehrengastes, oder besser, seine Verlobte, denn die Hochzeit, so wurde erzählt, stünde noch bevor, saß an der Seite des Gastgebers auf der gegenüberliegenden Seite der Tafel. Leitende Mitglieder des Instituts, Freunde und Kollegen aus den Kliniken und Instituten der Universitäten und ihre Frauen wechselten sich in einer von Sabine Torless festgelegten Ordnung ab. An ihrer linken Seite allerdings war ein Platz freigeblieben. Sabine hatte diesen Platz für Felix Aumüller reservieren lassen, Dr. Felix Aumüller, nein, sogar Professor? weiterlesen

 
Wie man sich täuschen kann …

Nein, das Bild, das Leberecht Wagenseil in dem großen, bis auf den Teppichboden reichenden Spiegel seines Hotelzimmers erblickte, war nicht vorteilhaft. Geschäftsreisen würden, so fand er, in seinem Alter auch immer mehr zu Gesundheitsrisiken, vor allem aber zu ästhetischen Risiken. Wagenseil betrachtete die nackte Gestalt, die ihm der Spiegel seitenverkehrt entgegenwarf, mit wachsendem Missmut. Nein, so durfte man nicht aussehen, wenn man… na ja, wenn man auf irgendeine oder irgendeinen noch Eindruck machen wollte. weiterlesen

 
Zeitvergleich

Wir kennen uns schon lange, Arthur Fordyce und ich. Kunststück, wir sind ja auch nicht mehr ganz jung. Arthur ist fünfundsiebzig, das habe ich mir zusammengereimt, als er erwähnte, dass er den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Paris als Vierzehnjähriger miterlebt habe. Das war im Sommer 1940. Aber ich greife vor. Arthur und ich kennen uns zwar schon seit geraumer Zeit, bis vor etwa einem Jahr aber haben wir nie über persönliche Dinge gesprochen. Oder nur ganz am Rande. Zum Beispiel, wenn einer von uns ein Buch gelesen hatte, davon erzählte und dabei auch auf eigene Erlebnisse zu sprechen kam. Arthur hat wohl einen Narren an mir gefressen. Vielleicht erinnere ich ihn an jemanden, der ihm einmal viel bedeutete. Oder liegt es daran, dass ich Ulrich heiße?

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