Wie man sich täuschen kann …

Autor Jürgen Drews

Nein, das Bild, das Leberecht Wagenseil in dem großen, bis auf den Teppichboden reichenden
Spiegel seines Hotelzimmers erblickte, war nicht vorteilhaft. Geschäftsreisen würden, so fand er,
in seinem Alter auch immer mehr zu Gesundheitsrisiken, vor allem aber zu ästhetischen Risiken.
Wagenseil betrachtete die nackte Gestalt, die ihm der Spiegel seitenverkehrt entgegenwarf, mit
wachsendem Missmut. Nein, so durfte man nicht aussehen, wenn man… na ja, wenn man auf
irgendeine oder irgendeinen noch Eindruck machen wollte. Mit knapp fünfzig Jahren sollte man
anders aussehen: nicht mehr so glatt und geschmeidig wie mit dreißig Jahren vielleicht, aber
schlank, muskulös, straff, kleine Falten im Gesicht, besonders an den äußeren Augenwinkeln,
meinetwegen, die Frauen mochten das ja, manche Frauen jedenfalls. Aber von einem solchen
Ideal schien Wagenseil in diesem Augenblick der Wahrheit weit entfernt. Seinen Beinen sah
man an, dass sie seit langer Zeit nichts getan hatten als einen stetig wachsenden Bestand an
Körperfett zu tragen. Sein Bauch wölbte sich vom unteren Brustbeinrand bis zur Symphyse in
ebenmäßiger Rundung, viel zu mächtig, um sich durch die temporäre Anspannung der Bauch-
muskeln bändigen zu lassen. In einer Anwandlung von Selbsthass ließ sich Wagenseil vor
dem Spiegel gehen: Er entspannte sich. Sein Rücken wurde runder, sein Bauch trat noch weiter
vor, die Beine wirkten wie dünne Stelzen, die Mühe haben würden, diesen unproportionierten
Körper noch länger zu tragen. Die Arme? Wagenseil spannte seinen Bizeps. An seinem rechten
Oberarm entstand eine geringfügige Schwellung. Entmutigt ließ er seinen Arm wieder sinken
und betrachtete seine Gestalt im Profil: die nach vorn gebeugten Schultern, den Brustkorb, der
aussah, als hätte man ihn in den schweren Leib hineingestaucht, die schräg vom Kinn zum
Brustbein verlaufende Halslinie, das unansehnliche Geschlecht. Wie konnte es nur so weit
kommen? dachte Leberecht Wagenseil. Als hätte ich an meinem Vornamen nicht bereits genug
zu tragen.
„Wie heißt du denn Schatz?“ hatte ihn das Mädchen aus der Sansi-Bar gefragt, bevor sie zur
Sache kommen wollte. Natürlich hatte er sich für solche Fälle eine erprobte Strategie zurecht-
gelegt: „,Les‘ nennen mich meine Freunde, mein Taufname ist ein bisschen zu kompliziert.“
„Also ,Les‘ – klingt doch hübsch, zahlst du mir noch einen Drink, bevor wir gehen?“
Wenn sie mich jetzt sähe, müsste sie sich vor mir ekeln, dachte Wagenseil. Im Funzellicht des
Nachtclubs ließ sich ja einiges übersehen. Welcher Frau könnte er überhaupt noch gefallen?
Lena, mit der er verheiratet war? Ehefrauen verlieren den Blick für die körperlichen Attribute ihrer
Männer, vermutete Wagenseil und tat sofort darauf einen Schwur. Er wollte abnehmen –
mindestens zwanzig Kilogramm zuviel lasteten auf seinen dünnen Beinen, die mussten runter.
Muskeln mussten her, sein Körper sollte wieder Kontur bekommen, der ganze Kerl sollte wieder
Umrisse haben. Ein klares, unzweideutiges Profil. Wagenseil straffte seinen untrainierten
Körper. Hundertzweiundachtzig Zentimeter und fast hundert Kilogramm. Das Manöver misslang.
Der Spiegel zeigte selbst bei maximaler Anspannung der Bauch- und Rückenmuskeln nur eine
minimale Tendenz zur Besserung. Wagenseil streifte seinen Pyjama über und wandte sich ab.
Er zog ein weißes Blatt Papier aus seinem Faxgerät, setzt sich auf seine Bettkante und notierte
sich ein Programm für die nächsten Wochen. Zunächst Diät. Morgens nur Saft und Kaffee.
Mittags einen Salat oder einen Joghurt. Nachmittags ein Stück Obst. Abends mageres Fleisch,
etwas Gemüse, keine Kartoffeln, keinen Wein. Keinen Wein? Nein, keinen Wein, überhaupt
keinen Alkohol. Vor allem kein Bier. Na, dann doch vielleicht einen trockenen Weißwein, ein
oder zwei Gläser, bis zu einem Viertel. Dazu jeden Tag Gymnastik, mindesten eine halbe Stunde.
Er hatte ja früher geboxt, die zugehörigen Turnübungen waren ihm noch geläufig. Außerdem
ein halbstündiger bis einstündiger Spaziergang in scharfem Tempo oder eine halbe Stunde auf
dem Heimtrainer. Wagenseil schrieb alles auf, zu Hause würde er alle diese Maßnahmen in
einen Wochenkalender eintragen. Lena würde schon dafür sorgen, dass er seine Diät einhalten
könnte. Sie selbst kannte ja keine derartigen Probleme, Kunststück, sie konnte ja auch keine
Minute still sitzen, spielte Golf, spielte Tennis, vergaß Essen und Trinken zuweilen völlig. Bei
Wagenseil verhielt es sich umgekehrt. Er saß den ganzen Tag – am Schreibtisch, in der Eisen-
bahn, in Flugzeugen, im Hotel. Die Mahlzeiten waren die hellen Momente in seinem Verkäufer-
alltag, das heißt eigentlich nur dann, wenn er dabei allein sein konnte. Selbstachtung, dachte
Leberecht Wagenseil, daran vor allem habe er es fehlen lassen. Es ist ja nie zu spät, Gott sei
Dank. Welche Herausforderung! Ein anderer Mensch werden, an Körper und Seele. Zurückfinden
zu seiner jugendlichen Person. Sportlich, gut gelaunt, guter Gesellschafter, die Frauen mögen
ihn. Guter Tennisspieler. Ja, damit würde er auch wieder anfangen, wenn er erst einmal zehn
bis fünfzehn Kilogramm abgenommen hätte. Er würde, das nahm sich Leberecht Wagenseil vor,
während er einschlief, niemandem etwas von seinem Vorsatz erzählen. Lena? Nein, mit ihr
hatte er schon zu viele Vorsätze geteilt, die alle im Sand verlaufen waren. Sie würde irgendeine
Bemerkung machen. „Wer’s glaubt, wird selig“ oder einfach nur „na ja“. Das konnte er nicht
brauchen. Taten, keine Sprüche. Nein, Lena würde er nur bitten, ihm abends lediglich einen
Salat oder ein mageres Stück Fleisch vorzusetzen oder einen gebratenen Fisch. Warum? Ach,
weißt du, ich schlafe dann fester. Unmerklich müsste die Besserung eintreten, die Veränderung
zum Guten. Eines Tages würde Lena sagen: „Du hast abgenommen, siehst überhaupt gut aus.
Frischer. Wie kommt’s?“ Mit diesen Gedanken schlief Wagenseil ein. Am nächsten Morgen
musste er arbeiten. Vorher trank er ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kaffee und machte
einen halbstündigen Spaziergang durch einen nahe gelegenen Park. In scharfem Tempo, leider
musste er in seiner Straßenkleidung herumlaufen. In Zukunft würde er Jogging-Schuhe und
Sportkleidung im Reisegepäck mit sich führen. Anschließend wälzte sich er sich eine halbe
Stunde lang auf dem Hotelteppich. Liegestützen, Rumpfbeugen, Stärkung der Bauchmuskulatur,
nichts schien zu gehen.
Das Telefon schrillte. Wagenseil stolperte auf die Beine.
„Ihr Taxi, Herr Wagenseil.“
Na gut, in Zukunft würde er sich mehr Zeit lassen. Früher aufstehen, dachte er, als er am Hotel-
tresen stand, um seinen Aufenthalt zu bezahlen. Er fühlte sich besser als sonst um diese
Tageszeit. Oder bilde ich mir das nur ein? Na, wenn schon, es ist ja egal, dachte er, gut‘ Ding
will Weile haben.

Am nächsten Morgen stieg Leberecht Wagenseil in seinem häuslichen Badezimmer auf die
Waage. Er hatte dieses Gerät seit Jahren gemieden, weil er wusste, dass es ihm nichts
Erfreuliches mitzuteilen hatte. Jetzt aber war Schluss mit der Selbsttäuschung. Er brauchte einen
Ausgangswert. Siebenundneunzig Kilogramm. Wagenseil erschrak. Bei 182 cm Körpergröße
sollte er nicht mehr als zweiundachtzig Kilogramm wiegen, bei seinem leichten Körperbau eher
weniger. Sein Idealgewicht musste irgendwo zwischen siebzig und fünfundsiebzig Kilogramm
liegen. Richtig, das war auch der Gewichtsbereich aus seiner sportlichen Zeit. Mittelgewicht bis
Halbschwergewicht. Also fünfundzwanzig Kilogramm. Fünfundzwanzig Kilogramm, die mich
von dem neuen Menschen trennen, der ich werden will. Nein, korrigierte er sich. Es ist mehr als
das, es ist ja nicht einfach ein Abbau von Gewicht, es ist ein Umbau. Aufbau von Muskeln, von
Profil, von Selbstbewusstsein, von Lebensfreude. Also siebenundneunzig Kilogramm, von nun
an würde die Waage weniger anzeigen, mit seinem Gewicht würde es bergab gehen, in kleinen
Schritten, dafür würden sich die Lebensgeister regen, das Leben würde wieder Spaß machen.
Er würde mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Im Tennisclub würde er sich wieder sehen
lassen und den Spott, der ihm entgegenschlagen würde, gutmütig überhören. Die würden
schon sehen; so schlecht hatte er früher jedenfalls nicht gespielt. Wenn erst die Kondition
wieder da wäre, ein paar Trainerstunden, dann könnte er den Spott zurückgeben. Wagenseil
dachte an die vielen beschwingten Stunden, die Lena und er dort in jüngeren Jahren verbracht
hatten. Turniere oder gemischte Doppel an Sonntagvormittagen, ein flottes Einzel an Sommer-
abenden, manchmal bis hinein in die Dunkelheit. Gespräche mit Clubmitgliedern, Freunden;
– „Felix, mir auch noch ein Pils“ -, oder Clubfeste, bei denen man den Ehefrauen der Club-
kameraden, ja, so nannte man sie damals, auf unverfängliche Weise näherkommen konnte.
Man kannte sie ja im Tenniskostüm und wusste, was zu erwarten stand. Ein Tanzschritt, bei
dem man sein Bein zwischen die Beine seiner Partnerin schieben konnte, nur einen Augenblick
lang versteht sich. Wie zufällig spielte sich das ab. Hier und da gab es einen Seitensprung,
– meistens unter dem Einfluss von Alkohol, Bowle oder was damals getrunken wurde. Eigentlich
waren es keine richtigen Seitensprünge, eher lüsterne Episoden, bei denen zwei leicht benebelte
Clubmitglieder unterschiedlichen Geschlechts sich mit Lippen, Zunge und Händen zu verstehen
gaben, dass sie nicht nur freundschaftliche Gefühle füreinander hegten, sondern eben auch
begriffen hatten, dass sie Mann und Frau waren. Und wären sie nicht schon gebunden, dann
könnte sich wirklich etwas abspielen – hätte etwas daraus werden können. Wenn man sich
dann wieder traf, nach einigen Tagen oder Wochen, gab es vielleicht eine leichte Verlegenheit
zu Anfang, doch so etwas war schnell überwunden. Dann war alles wieder wie zuvor, das
Leben ging weiter. Wir waren schließlich keine Kinder mehr. Apropos Kinder, die fingen dann
auch an Tennis zu spielen und sich zu mögen und sich gelegentlich zu befummeln und ihre
ersten Erfahrungen zu machen, denen gegenüber Mütter und Väter eine gewisse Reserve zeigen
mussten. Immerhin besser als Ausflüge in Nachtclubs und ähnliche Etablissements, dachte
Wagenseil. Aber, so fand er, das habe er jetzt hinter sich. Vor ihm läge ein anderes Dasein, in
das er einzutreten bereit war, ein an frühere Bilder anknüpfendes, aber auch wieder über-
raschend neues Dasein, das er in veränderter Gestalt betreten würde. Das Positive würde nun
wieder in sein Leben einziehen. Harte Arbeit, ja, aber mehr Zeit für die Familie, mal eine Reise
mit Lena irgendwohin – Karibik? Canaren? – Freunde, Sport. Das Leben selbst in die Hand
nehmen, etwas daraus machen.

Nach einer Woche konsequenten Verhaltens zeigte die Waage einen Gewichtsverlust von einem
Kilogramm. Entmutigend fand Wagenseil diese Auskunft. Wenn er nicht so entschlossen wäre,
dann wäre es wirklich zum Verzweifeln! Er tröstete sich, wie man sich eben tröstet. „Aller Anfang
ist schwer.“ Es wird schon werden, wenn der Prozess – Wagenseil nannte seine angestrebte
Wandlung zu einem ansehnlichen und liebenswerten Zeitgenossen den „Prozess“ -, wenn also
dieser Prozess erst einmal in Gang gesetzt sei, würde es besser gehen. Nichts sollte ihn mehr
davon abhalten, auf dem eingeschlagenen Weg fortzuschreiten.
Unter größtmöglicher Diskretion hatte er sich die notwendigen Utensilien erstanden, die er zur
regelmäßigen Ertüchtigung benötigte: Turnschuhe, Sporthosen, Hemden, einige Hanteln
unterschiedlichen Gewichts. Einen Heimtrainer. Das zuletzt genannte Gerät musste er lediglich
ersetzen. Ein älteres Modell befand sich bereits in seinem Besitz.
„Ich würde gern wieder ein bisschen strampeln“, sagte er Lena, „wegen des Kreislaufs.“
Sie stellte keine Fragen. „Ja, tu das, du sitzt viel zu viel herum“, meinte sie bloß.
Wagenseil arbeitete im Stillen. Von seinen regelmäßigen Besuchen in einem weiter entfernten
Fitnesscenter sagte er keinem etwas. Dass er nur noch sauren Weißwein trank und auch diesen
nur in homöopathischen Dosen, so drückte sich Lena aus, na ja, das war halt eine von seinen
Marotten. Nach einer weiteren Woche zeigte die Waage vierundneunzig Kilogramm. Drei Kilo-
gramm in zwei Wochen! Nun denn, es ging also. Leberecht Wagenseil fühlte sich ermutigt. Nur
weiter so. Er verstärkte seine Anstrengungen. Wenn er seine forcierten Spaziergänge unternahm,
ließ er sich streckenweise in einen leichten Trab fallen, eine Gangart, die seinem Körper fremd
geworden war und die ihm einige Tage lang Kreuzschmerzen verursachte. Ganz langsam
steigerte er sein Bewegungspensum, ohne in seinen Bemühungen nachzulassen, seine
Nahrungsaufnahme auf das Notwendigste zu beschränken. Einen Monat, nachdem er seine
lebensverändernde Strategie eingeschlagen hatte, zeigte die Waage einundneunzig Kilogramm.
Sechs Kilogramm in vier Wochen. War das gesund? Ging das nicht zu schnell? Seine Hosen
spannten nicht mehr an der Gürtellinie, seine Hemden ließen ihm jetzt ein wenig mehr Spiel-
raum. Der Muskelkater, der ihn zu Beginn seines Programms geplagt hatte, war immer noch
spürbar, da er sein Arbeitspensum ja gesteigert hatte. Aber Wagenseil genoss diesen gesunden
Schmerz, wie er ihn nannte. Kein Umbau ohne Lärm und Dreck. Wenn ein Mensch, eine Person
mit Körper, Seele und Geist umgebaut wurde, konnte das nicht schmerzlos vor sich gehen.
Hungergefühl, Muskelkater, gelegentliche Anfälle von Verzagtheit – das waren, so sagte sich
Leberecht Wagenseil, die Wehen, unter denen ein Mensch geboren wurde. Also durchhalten,
weitermachen, eisern bleiben! Keine Kompromisse!
Während dieses ersten Abschnittes seines „Prozesses“ gönnte sich Wagenseil nicht die
geringste Entgleisung. Nach zwei Monaten betrug sein Gewicht noch siebenundachtzig Kilo-
gramm. Er glaubte etwas zu bemerken, wenn er sich vor den Spiegel stellte. Er meinte, sein
altes „Ego“ wiederzuerkennen, das sich langsam aus der von Inaktivität und Überfütterung
entstellten Figur heraus schälte. Vom Laufen und Gehen, wohl auch von der Gymnastik, waren
seine Beine und Arme kräftiger geworden. Wenn er jetzt den Bizeps anspannte, dann sah man
wieder den Umriss eines männlichen Oberarms. Seine Figur zeigte, wenn er sich gerade
aufrichtete, eine Spannung, die er lange vermisst hatte. Manchmal allerdings war ihm etwas flau
zu Mute, kleine Übelkeiten suchten ihn heim. War er zu schnell vorgegangen? Hatte er sich
zuviel zugemutet? Ein wenig langsamer treten, sagte er sich, aber die Sehnsucht nach dem
neuen „Selbst“, der immer brennender werdende Wunsch, ein anderer zu sein, trieben ihn
weiter. An Wochenenden absolvierte er Waldläufe, nur wenige Kilometer zunächst. Bald aber
lief er längere Strecken, bis zu zehn Kilometer oder noch mehr.
„Du hast abgenommen“, sagte Lena eines Tages verwundert, als hätte sie ihn lange nicht
gesehen. „Aber angestrengt siehst du aus, fehlt dir etwas?“
Nein, nichts fehle ihm, antwortete Wagenseil und gestand Lena, dass er im Begriff sei, ein
anderer, gesünderer, aktiverer und bewussterer Mensch zu werden. Das strenge eben an, er
könne es nicht leugnen, aber es mache auch Freude.
Lena nickte beifällig: „Aber übertreib es nicht!“ sagte sie.
„Nein, natürlich nicht, es ist ja alles nur eine Frage des Maßes, nicht wahr? Alles mit Maß und
Ziel. Aber das Ziel, Lena, glaube mir, das Ziel ist hoch gesteckt.“ Gewicht verlieren, schlank
werden, nein, so einfach sei es nicht, gab Wagenseil zu bedenken. Damit sei es nicht getan,
wenn nicht auch die Person beweglicher werde, wenn nicht auch der innere Mensch gewisser-
maßen verschlankt und veredelt aus diesem Prozess hervorginge.
„Vielleicht ist es das, was mich anstrengt“, meinte er.
Lena nickte und wiederholte ihre Mahnung. „Aber verhungere nicht vor lauter Begeisterung.“ Da
war er wieder, ihr Spott, den er so fürchtete. Kein Wort der Anerkennung! Dabei war er doch
entschlossen, eine tiefe Veränderung mit sich vorzunehmen. Aber die gute Absicht, der gute Wille,
würde sich durchsetzen. „Wie wäre es mit einer kurzen Reise an die See?“ fragte Wagenseil
und fügte hinzu: „Jetzt im Herbst ist es leer dort, wir finden leicht eine ruhige, behagliche Pension.
Stell dir vor, jeden Tag Strandspaziergänge (Strandläufe, kräftezehrendes Joggen am Strand,
dachte er im Stillen), die gute Luft, einfache, gesunde Kost“, schwärmte er.
Lena sah ihn über den Rand ihrer Lesebrille an. Dann sagte sie: „Ja. Eine Woche oder zehn
Tage – jetzt im Oktober könnte das Wetter noch schön sein. „Sylt“, fügte sie hinzu, „Sylt, die
anderen Inseln sind mir zu einsam.“
Also fuhren sie nach Sylt und wohnten dort in einem Schilf gedeckten Ziegelhaus in Kampen.
Obwohl die Pension, in der sie die einzigen Gäste waren, in der Nähe des Wattenmeeres lag,
hörten sie nachts bei geöffnetem Fenster das leise und regelmäßige Schlagen der Brandung
von der anderen Seite der Insel. Sie unternahmen lange Spaziergänge am Strand oder auf
der Wattseite. Oft legten sie dabei Strecken zurück, die Wagenseil zuvor allein im Laufschritt
bewältigt hatte oder nach beendetem Spaziergang noch einmal allein durcheilte. Da lief er in
seinem grünen Trainingsanzug angestrengt die Strände auf und ab, auf der Suche nach dem
neuen „Ich“, nach seiner neuen Gestalt. Aber wo lag es, dieses neue „Ich“? Wie sah sie aus,
diese neue Gestalt? Wagenseil wusste es nicht, noch nicht, oder nicht mehr?
Lena fand ihn verändert. Auf den gemeinsamen Wegen über die Insel erzählte er ihr von seiner
Kindheit, Dinge, von denen er früher nie gesprochen hatte. Und immer wieder gab er seiner
Zuversicht Ausdruck, mit Disziplin und Ausdauer zu einem neuen Menschen zu werden, sich
selbst und durch diese Einsicht auch die anderen besser zu verstehen. Längst hatte Lena auf-
gehört, diesen Bekundungen und den sie begleitenden Exerzitien mit Spott zu begegnen. Die
Ausschließlichkeit aber, mit der er von dieser Idee beherrscht wurde, beunruhigte sie, zumal
Wagenseil das Ziel seiner beabsichtigten Wandlung immer nur mit sehr allgemeinen Floskeln
beschrieb.
„Du wirst sehen, Lena, ich bin auf dem besten Wege.“
„Wohin?“ fragte sie.
„Ich werde ein anderer. Vielleicht ist es vermessen, von einer durchgreifenden Wandlung zu
sprechen, aber“, Wagenseil zögerte, „das ist es, was mir vorschwebt.“
Er sah hier inmitten dieser kräftigen, frischen Natur bald besser aus, als er ihr zu Hause vor-
gekommen war, aber irgend etwas stimmte nicht. Etwas schien an ihm zu zehren. Lena wusste
nicht: War es nur diese fixe Idee, sich einem immer stärker ritualisierten System von Anstren-
gungen zu unterwerfen oder fehlte ihm etwas? War er auf der Flucht? Vor sich selbst, vor ihr, vor
einer Krankheit?

Als sie nach einer guten Woche die Heimreise antraten, sah Wagenseil gesünder aus als vor
Antritt der Ferien. Er hatte weiter an Gewicht verloren. Fast ein wenig hager wirkte sein leicht
gebräuntes Gesicht. Nach der ersten, wieder zu Hause verbrachten Nacht befragte er die
Waage, die ihm nun schon seit vielen Wochen die Stationen seiner Wandlung zu einem
besseren und ansehnlicheren Menschen anzeigte. Bei zweiundachtzig Kilogramm blieb der
Zeiger stehen. Sein Normalgewicht, noch nicht das Idealgewicht, das lag nach Auskunft seiner
Tabellen knapp unter fünfundsiebzig Kilogramm. Aber immerhin – normal. Als übergewichtig
konnte man ihn nicht mehr bezeichnen. Seine sportliche Leistungsfähigkeit war im Begriff,
wiederhergestellt zu werden. Er könnte eigentlich wieder Tennis spielen. Schade, dass es jetzt
in den Winter ging, oder? Vielleicht auch gut so, es gab ja genügend Tennishallen. Er würde
ein paar Trainerstunden brauchen, ein bis zwei in der Woche, und könnte dann im nächsten
Frühjahr gut vorbereitet in die neue Saison starten.
Wenn nur diese Übelkeit nicht wäre, die ihn hin und wieder heimsuchte. Gegen Fleischgerichte
verspürte er eine wachsende Abneigung, aber nicht gegen Joghurt, Käse, Fisch und Früchte,
– waren das nicht ohnehin die gesünderen Nahrungsmittel? Wozu brauchte er Fleisch?
Wagenseil spielte Tennis, – abends in einer nahe gelegenen Halle. Ungewohnt das Licht, der
schnelle Boden. Zunächst flogen die Bälle nur so an ihm vorbei. Dann aber fanden sie, sein
Trainer und er, den richtigen Schlagrhythmus. Das schon verloren geglaubte Gefühl für den Ball
und für den Schläger kehrte zurück. Er fing an, die Bälle zu treffen, zunächst mit der Vorhand,
dann gelegentlich auch mit der Rückhand, dazu ein paar Volleys. Ja, es würde wieder werden.
Der Trainer, ein junger Mann, der sich offenbar mit diesen Stunden ein wenig Geld nebenher
verdiente, schien zufrieden zu sein.
„Also, bis zum nächsten Mittwoch“, nickte er und lächelte.
Wagenseil war erschöpft. Die Kondition reicht noch nicht aus, dachte er, aber er war nicht unzu-
frieden mit sich. Am verabredeten Mittwochabend, es war bereits November, spielte er nur
mittelmäßig. Gegenüber seinem ersten Versuch war kein Fortschritt zu erkennen. Wiederum
eine Woche später aber spielte er auf einmal gut, passabel zumindest. Selbst die Aufschläge
kamen wieder. Von nun an verabredete er sich auch an Wochenenden mit einigen seiner alten
Freunde zu einer Stunde Tennis. Hin und wieder spielte er sogar wieder einen oder auch zwei
Sätze. „Um eine Runde Bier“, sagten sein Freunde. Wagenseil stimmte zu, obwohl ihm Bier
eigentlich nicht mehr so richtig schmeckte. Alkoholfreies Bier vielleicht, das bekam ihm besser.
Er stellte sich nun nicht mehr täglich auf die Waage, denn das Gerät hatte ihm gezeigt, dass
er sich mit fünfundsiebzig Kilogramm in der Nähe seines Idealgewichts befand. Irgendwie schien
sein Körpergewicht kein Problem mehr zu sein.
Fleisch mochte er auch nicht, auch Wein war ihm zuwider. Ein wenig leichtes Gebäck, Weißbrot,
ein Joghurt, etwas Obst, gelegentlich ein gedünsteter Fisch oder ein weich gekochtes Ei, – das
war alles, worauf er Appetit hatte. Er war nun wieder schlank. Seine Muskulatur allerdings, fand
Wagenseil, ließ noch zu wünschen übrig. Mehr Gymnastik vielleicht, einige Kraftübungen, am
Wochenende ein bis zwei längere Waldläufe und zwei bis drei Mal in der Woche ein bis zwei
Stunden Tennis. Ja, auch mit seinen Kindern Bernd und Isabel. Er wollte ja ein besserer Vater
sein, mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen. Der zwanzigjährige Bernd, ein Kraftprotz, fand
Wagenseil, hatte wenig Geduld mit seinem wieder zum Tennisleben erweckten Vater. Er schlug
dem Älteren die Bälle um die Ohren, dass dem Hören und Sehen verging. Dann schenkte er
ihm ein Spiel, indem er selbst ein paar Bälle zu offensichtlich verschlug. Keine sportliche
Galanterie, eher schlecht verhohlene, schwerfällige Arroganz, dachte Wagenseil. Aber er schluckte
seinen Ärger herunter und lobte seinen Sohn überschwänglich. Der nickte nur und schlurfte
gelangweilt auf den Nachbarplatz. Dort verwandelte er sich bei flotten Ballwechseln mit einer
straffen, vollbusigen Blondine schlagartig in einen Ausbund an Liebenswürdigkeit und Charme.

Mit Isabel ging es besser. Die kleine, zierliche Isabel spielte gut: mit viel Ballgefühl und mit
besonderer Anmut. Sie spielte und lachte viel, besonders, wenn ihr etwas gut gelungen war,
aber auch, wenn sie einen Ball knapp verfehlte. Tennis spielen sollte ja Spaß machen, ein
Spiel sein, kein Kampf. Sie schenkten sich jeder einen Satz, dann fiel ihm seine Siebzehnjährige
um den Hals und meinte, sie könne jetzt nicht mehr. „Wollen wir eine Coca zusammen trinken?“
Das taten sie, und dabei stellte ihm Isabel ihre Freundinnen vor, die auch Tennis spielten.
Nette Mädchen, fand Wagenseil und fühlte sich auf seinem Weg bestätigt. Diese brünette Karin
mit den großen blauen Augen, wirklich apart. Ich glaube, der gefalle ich sogar noch. War das
nicht schön? Jetzt hatte er auch wieder Zugang zu der Welt seiner Kinder gefunden, zumindest
hatte er damit begonnen. Er hatte sich in der Tat verwandelt. Aus einem frustrierten, überge-
wichtigen und passiven Menschen, der seine Frustrationen im Suff und mit leichten Mädchen
abreagierte, war ein aktiver, sportlicher Mann geworden, der auf sich achtete, am Leben seiner
Familie teilnahm, sich um seine Freunde kümmerte. Er sah die hübsche Karin an, verträumt,
sie blickte zurück, sanft, auch ein wenig verträumt?
Plötzlich überfiel ihn eine heftige Übelkeit. Schweiß trat ihm auf die Stirn, vor seinen Augen tanzten
Ringe und Schneeflocken, die Geräusche, die Stimmen der Mädchen um ihn her entfernten sich.
„Entschuldigt, Kinder, mir ist nicht gut“, konnte er noch murmeln. Er wollte sich vom Tisch erheben
und den Heimweg antreten. Frische Luft würde ihm guttun, dachte er. Aber noch bevor er ins
Freie gelangen konnte, schwankte er. Ein Gast des Restaurants bemerkte es und verhinderte,
dass er zu Boden stürzte. Als er wieder zu sich kam, saß er auf einem Stuhl am offenen Fenster.
Kühle, feuchte Luft wehte ihn an. Der Schwächeanfall war vorüber. Isabel stand neben ihm und
noch jemand.
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ fragte eine Stimme.
„Paps, kannst du mit mir zum Auto gehen? Komm, ich fahr dich erst mal nach Hause.“ Das war
Isabels Stimme.
„Nach Hause“, murmelte Wagenseil und verließ, geführt von der anmutigen Isabel, das Lokal.
Es ging ja schon wieder besser.

„Morgen schicke ich dich zum Arzt. Doktor Wilke soll dich mal gründlich durchuntersuchen. Sieh
mich mal an“, forderte Lena ihn auf, als er schon im Bett lag. Sie ergriff die Nachttischlampe und
ließ den Lichtkegel auf sein Gesicht fallen. „Ein bisschen gelb kommst du mir vor“, sagte sie,
„aber vielleicht ist es nur das Licht oder die abklingende Bräune von der See. Na, schlaf jetzt erst
einmal.“
Er war wirklich gelb, fand Lena, als sie ihn am anderen Morgen bei Tageslicht betrachtete. Vor
allem die Augenbindehäute seien gelb getönt. Wagenseil fühlte sich immer noch müde. Seine
Haut juckte, irgend etwas stimmte wirklich nicht mit ihm.

,Wagenseil, Leberecht, 51 Jahre, männlich‘, stand am Kopf der Fieberkurve, die über dem Bett
in der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses hing, in das er zur Abklärung seines Zustandes
eingewiesen worden war. Eine Krankenschwester trat an sein Bett.
„Ich muss Sie wiegen, Herr Wagenseil“, sagte sie. „Können Sie ein paar Schritte zu Fuß gehen?
Natürlich konnte er. Dieser Schwächeanfall gestern Abend hatte ja keinen Krüppel aus ihm
gemacht. Er stellte sich auf die Waage, eines jener altmodischen, aber genauen Instrumente,
bei denen das Gewicht des Patienten dadurch ermittelt wird, dass Gleitgewichte auf einem
Wägebalken hin- und hergeschoben werden, bis der Balken waagerecht steht und genau auf
eine Markierung in einem Metallrahmen zeigt. „71,5 Kilogramm“, sagte die Schwester. „Ein
bisschen wenig für einen großen Mann wie Sie.“
Wagenseil schüttelte den Kopf. „Mein Idealgewicht“, gab er zur Antwort, fast klang es ein wenig
trotzig. „Ziemlich genau mein Idealgewicht.“
„Gewichtsverlust, häufige Übelkeit, erhöhtes Bilirubin, vermutlich eine Stauung der Gallenwege,
dazu passt auch das Hautjucken“, resümierte der Stationsarzt bei der Visite. Während der
Professor den Bauch des Patienten betastete, fügte er hinzu: „Leukozytose, keine Linksver-
schiebung, beschleunigte Senkung, Leberwerte etwas erhöht, Amylase stark erhöht. Mehr haben
wir noch nicht.“
„Na, das genügt ja fast für eine Diagnose oder?“ antwortete der Professor mit strenger Miene.
Zu Wagenseil gewandt aber lächelte er und versicherte, man müsse die Ursache der Gelbsucht
genau abklären. Ein paar Tage würde das schon dauern.
„Pankreas-Schonkost“, sagte er der begleitenden Schwester, die alle ärztlichen Anweisungen
umgehend in ein kleines Buch eintrug. Aber, dachte Wagenseil, er konnte doch nicht einige Tage
so herumliegen, ohne sich zu bewegen, ohne Gymnastik und einige Kraftübungen.
„Gibt es hier einen Fitnessraum?“ fragte er. Nein, den gebe es nicht, antwortete der Professor.
Aber ein wenig Gymnastik, auch das Hantieren mit Gewichten, das ließe sich wohl einrichten,
meinte er. Die Krankengymnastin sei eine nette junge Frau, sie würde sich um ihn kümmern.
„Na ja, wenn es nur ein paar Tage sind“, sagte Wagenseil und nahm sich vor, diese Kranken-
gymnastin, die ja wohl nur den Umgang mit Kranken und Hinfälligen pflegte, in Staunen zu
versetzen.
Aber daraus wurde nichts. Die stärker werdende Gelbsucht machte eine Operation nötig, „um die
Gallenwege zu entlasten“, wie der Professor ihm erklärte.
Bei der Operation bestätigten die Chirurgen die bereits vorher gestellte Diagnose eines
Krebses der Bauchspeicheldrüse, der viel zu weit fortgeschritten war, um eine Entfernung,
ohnehin eine problematische Operation, noch zu ermöglichen. Den Angehörigen, Lena, Bernd
und Isabel, teilte der Professor mit, dass ihr Mann und Vater nur noch kurze Zeit zu leben hätte.
Man müsse den Kranken schonend über diesen Sachverhalt aufklären. Lena war unent-
schieden. Bernd konnte es, wie er immer wieder versicherte, nicht fassen, dass sein Vater …
neulich hätten sie noch Tennis miteinander gespielt. Natürlich habe sein Vater verloren, er sei
eben zu alt, keine Konkurrenz mehr für ihn, aber immerhin … er könne es nicht fassen.
Allein Isabel widersetzte sich auf das Energischste: Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass ihr
Vater über die Aussichtslosigkeit seines Zustandes unterrichtet würde. „Unter keinen
Umständen“, sagte das zierliche Mädchen mit Entschiedenheit. So eindeutig und unabweisbar
klang Isabels Stimme, dass niemand es wagte, ihr zu widersprechen. Man würde, so meinte
der Professor, dem Patienten sagen, dass eine gutartige Geschwulst seinen Gallengang zuge-
drückt habe. Nach deren Entfernung würde es ihm bald besser gehen, aber er müsse noch
Geduld haben.

So geschah es. Wagenseil nahm die Eröffnung seines behandelnden Arztes zur Kenntnis, ohne
weitere Fragen zu stellen. Der Professor bemerkte dieses plötzliche Verstummen seines
Patienten. Er dachte an die zierliche und liebenswürdige Isabel. Er zögerte noch einen Moment.
Dann sagte er: „Wissen Sie, Herr Wagenseil, ich will Ihnen nichts ausreden, aber ich glaube,
Sie haben sich mit Ihrem Programm, Diät, Sport, Training, ein wenig übernommen. Da kommt
jetzt Verschiedenes zusammen, dieser Tumor, die Operation, die Monate ihrer Selbstkasteiung,
in wenigen Monaten von fast hundert Kilogramm bis auf siebzig Kilogramm …“
„Einundsiebzig Komma fünf Kilogramm“, antwortete Wagenseil, „mein Idealgewicht.“
Der Arzt lächelte. „Gönnen Sie sich ein wenig Ruhe“, sagte er zum Abschied.
Irgendetwas in Leberecht Wagenseil wollte dieser Empfehlung folgen. Er schlief viel. Manchmal,
wenn er im Operationsbereich Schmerzen hatte, bekam er eine Spritze, die ihm die Scherzen
nahm und ihn heiter und gelassen stimmte. Alle waren freundlich zu ihm. Das Hautjucken hörte
auf. Er hatte noch keinen Appetit, aber was soll’s?
„Dann sinke ich eben vorübergehend ein wenig unter mein Idealgewicht „, sagte er sich. Der Arzt
hatte wohl Recht mit seiner Mahnung, er sollte sich jetzt etwas Ruhe gönnen, – nach der
enormen Anstrengung. Er hatte doch erreicht, was er wollte.
Sicher hatte er etwas übertrieben, und genauso sicher hatte diese Übertreibung etwas mit seiner
Krankheit zu tun. Aber hatte es sich nicht gelohnt? War er nicht ein anderer, ein besserer Mensch
geworden? Jetzt hieß es – nach kurzer Ruhepause – auf diesem Wege fortzuschreiten. Dies waren
Leberecht Wagenseils Gedanken kurz vor seinem Tode.
Nur einmal, kurz vor dem Ende, während eines Schwalls von Übelkeit, der plötzlich in ihm aufstieg,
verließ ihn die Zuversicht für einen Augenblick. „Vielleicht bin ich doch zu weit gegangen“, schoss
es ihm durch den Kopf, „vielleicht ist es gefährlich, ein anderer Mensch zu werden, vielleicht muss
ich jetzt dafür bezahlen … Wie man sich doch täuschen kann.“

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