„Du glaubst es nicht“

Autor Jürgen Drews

Natürlich war Frieda Nothnagel auch auf dieses Ereignis vorbereitet. Wer dafür zu sorgen hat, dass
drei Kinder jeden Morgen pünktlich zur Schule gehen, dass sie dort nicht unvorbereitet erscheinen,
sondern mit den erledigten Hausaufgaben im Gepäck, wer allen vier Kindern nach ihrer Rückkehr
aus der Schule zusammen oder zu individuell beanspruchten Zeiten ihr Mittagessen vorsetzt, und dies
jeden Tag, wer einen Mann zu versorgen hat, dem Hund Benno, einer zugelaufenen Promenaden-
mischung, täglich Wasser hinstellt, hierin allerdings unterstützt von Elise, der ältesten Tochter, wer
alle Familienferien und die Wochenendbesuche bei den Verwandten Franz und Eva Nothnagel zu
planen hat, weil sich sonst niemand um diese Dinge kümmert, wer überdies allen Papierkram für die
Familie erledigt, Versicherungsbeiträge zahlt, Steuererklärungen ausfüllt, überhaupt alles abwickelt,
was mit Behörden zu tun hat, der muss einfach vorausdenken und planen und alle Eventualitäten
bedenken. Ihre Kinder Elise, Erik, Ernst und Eduard verließen sich darauf, dass ihre Mutter für Ord-
nung sorgte, was sie nicht davon abhielt, mitunter gegen diese Ordnung zu rebellieren. Ob Tanz-,
Klavier- oder Reitstunden, ob Fußballtraining oder Tennisturniere – Frieda hatte alles im Kopf. Selbst
über Fritzens Skatabende und Tante Adelheids Teekränzchen, die wegen der Gebrechlichkeit der
Teilnehmerinnen alle im nahe gelegenen Evangelischen Stift stattfanden, führte Frieda Regie. Sie
plante Geburtstagsfeiern, Konfirmationen, Weihnachtsfeste und andere voraussehbare Festlichkeiten.
Und ihr praktischer Sinn schreckte keineswegs davor zurück, Tante Adelheids Ableben zu antizipieren.
Immerhin stand Fritzens Tante, die seit dem Tode ihres Mannes, eines gewissen Tunichtgut, bei den
Nothnagels wohnte, bereits im zweiundneunzigsten Lebensjahr. Übrigens hatte es dieser Tunichtgut
nach Ansicht der Nothnagels nie zu etwas Rechtem gebracht. Adelheid Tunichtgut, geborene
Nothnagel. Jeden Donnerstagnachmittag fuhr sie, von Frieda begleitet und behütet, zu ihren Damen
ins Evangelische Stift zu einer Teestunde. Wo würde man Tante Adelheid, wenn es denn einmal so
weit wäre, begraben? Wünschte sie eingeäschert zu werden oder wollte sie in einem normalen
Erdgrab bestattet werden? Was für eine Art Trauerfeier sollte stattfinden? Tante Adelheid selbst war
evangelisch. In geistlichen Dingen hatte sie sich allerdings sehr an Tunichtgut angelehnt und „der,
das weißt du doch, Fritz, war katholisch, ziemlich streng katholisch sogar“, fügte Frieda hinzu, wenn
Fritz in solchen Situationen abwinkte, weil ihm der Gedanke an Tote, Trauerfeiern, Leichenschmäuse
und Friedhöfe höchst unsympathisch war. Also, was nun? Aus Tante Adelheid war nichts herauszu-
bringen, sie stellte sich taub, wenn man ihre letzten Verfügungen zur Sprache bringen wollte.
„Kind, ich höre doch so schwer, du musst mir das alles ganz langsam ins Ohr sagen“, war eine ihrer
stereotypen Bemerkungen, mit denen sie sich weiteren Nachfragen entzog, denn wer brüllt schon
gerne einer zierlichen und sehr auf äußere Formen bedachten alten Dame aus nächster Nähe ins
Ohr: „Wo, Tante, möchtest du begraben werden?“ Oder: „Sollen wir deinen Leichnam einäschern
lassen, oder bleibt es bei einer Erdbestattung?“
Einmal hatte es Fritz unter dem von Frieda ausgehenden Druck doch getan, mit dem Ergebnis, dass
Tante Adelheid nun einen akuten Verwirrungszustand vortäuschte. Nachdem Fritz ihr seine unpas-
senden Fragen gestellt hatte, so laut, dass alle im Haus es gehört hatten und selbst Benno, der Hund,
die Ohren anlegte, starrte ihn Tante Adelheid aus weit aufgerissenen Augen an, sah durch ihn hin-
durch in irgendeine Ferne und fragte: „Wie spät ist es, mein guter Fritz, und was haben wir heute für
einen Tag?“
Danach hatten sie es aufgegeben, mit Tante Adelheid über letzte Dinge zu sprechen. Die Tante wollte
einfach nicht, sie verhielt sich, wie Elise einmal am Familientisch bemerkte, in diesem Punkt „total
unkooperativ.“
Also beschloss Frieda, auf eigene Faust die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Sie tat dies mit der
peniblen Genauigkeit, mit der sie allen ihren angenommenen oder selbst auferlegten Pflichten nach-
kam. Eine Grabstelle auf einem nahe gelegenen Friedhof war verfügbar. Allerdings, sie war weitaus
teurer als die Liegeplätze, die auf den großen städtischen Friedhöfen zu haben gewesen wären. Aber,
so sagte sich Frieda, das Grab sollte ja gepflegt werden. Einmal in der Woche müsse es jemand
besuchen, die Blumen gießen, Unkraut jäten, neue Blumen pflanzen, den Winter über würden es ja
wohl Tannenzweige tun. Wer um alles in der Welt würde das erledigen, wenn nicht sie selbst, Frieda
Nothnagel? An ihr würde es hängen bleiben. Wie alles oder fast alles in dieser Familie. Und wenn
sich das so verhielte, dann sollte es wenigsten in der Nähe liegen, das Grab. Fünf oder zehn Minuten
zu Fuß. „Da kann ich schnell mal rüber laufen oder über Mittag oder am Nachmittag“, erläuterte sie
ihrem Mann, der schon wieder weghörte. Das Geld dafür müsste natürlich aus Tantes Schatulle
kommen. Immerhin wohnte sie ja nun schon seit Jahren bei ihnen. Ein Arzt müsste geholt werden,
der den Tod feststellte: Doktor Burian am besten, der alte Hausarzt der Familie. Er kam immer noch,
wenn es brannte. Ein bisschen klapprig war er ja selbst auch schon, aber diesen letzten Dienst
würde er einer alten Patientin sicher erweisen, wenn er nicht vorher selbst…“
Frieda rief sich an dieser Stelle zur Ordnung. Nein, das ging zu weit. Notfalls muss eben ein anderer
Arzt gerufen werden. Der Arzt würde den Totenschein ausstellen. Ein Bestattungsunternehmen wäre
zu beauftragen, Phönix- Feuerbestattungen käme ja wohl nicht in Frage, Frieda zweifelte daran, dass
Adelheid in Flammen aufgehen wollte. Sie ist doch eher ein passiver Mensch, dachte Frieda, also
wäre eine Erdbestattung wohl das Angemessene. Erde zu Erde. ,Gaea‘, Ihr diskreter Helfer in Trauer-
fällen. Die Anzeige in den Gelben Seiten des Telefonbuches machte auf sie einen seriösen Eindruck.
Kein Bild von Särgen, Leichenwagen oder Palmwedeln, nein, nur eine kleine, in kursiver Schrift
gehaltene Anzeige. Die Anzeige wirkte wie eine Einladung zum Tee oder zu einem Abendessen.
RSVP, um Antwort wird gebeten. Das stand natürlich nicht da, aber so las sich das, fand Frieda.
Bestattungen, Behördengänge, Trauerfeiern, wir stehen Ihnen zur Seite. ,Gaea‘ – auf uns ist Verlass.
Vernünftige Preise. Das klang beruhigend. Sollte sie einmal unverbindlich mit einem Vertreter von
,Gaea‘ reden? Frieda schwankte. Es erschien ihr pietätlos, hinter Tante Adelheids Rücken Vor-
kehrungen für einen Fall zu treffen, der noch gar nicht eingetreten war, hoffentlich auch noch lange
nicht eintreten würde, redete sich Frieda entschlossen ein. Aber das Gefühl, dass die Planung von
Tante Adelheids Ausgang aus dieser Welt eine gewisse Dringlichkeit beanspruchen durfte, ließ sich
durch solche Willensakte nicht verscheuchen. Die Konten mussten abgemeldet werden, die Renten-
anstalt wäre zu benachrichtigen, auch die Pensionskasse von Tunichtgut. Würde man Tante Adelheid
polizeilich abmelden müssen? Die Trauerfeier. Wen müssten sie einladen? Nur die engsten
Familienangehörigen natürlich. Die Damen aus dem Evangelischen Stift? Die waren wohl zu
gebrechlich, – eine Anzeige würde genügen. Den Text dafür würde sie selbst entwerfen, oder sollte
sie die netten Leute von ,Gaea‘ bitten, ihr einen Text vorzuschlagen? Sie könnte sich ja einmal
telefonisch erkundigen, dachte Frieda, fragen kostet nichts. Also faßte sie sich ein Herz, griff zum
Hörer und wählte die Nummer von ,Gaea‘. Nachdem sie den Hörer ihres Telefons bereits mehrfach
in die Hand genommen, das Gerät aber wegen aufkommender Skrupel immer wieder zurückgelegt
hatte, rief sie eines Tages wirklich an. Am anderen Ende meldete sich eine wohltimbrierte männliche
Stimme, in der bereits der Tonfall einer diskreten Beileidsäußerung mitschwang.
„,Gaea‘-Bestattungen, womit kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Nothnagel“, meldete sich Frieda.
„Nein“, erwiderte die wohltönende Stimme, „Sie sind mit dem Bestattungsinstitut ,Gaea‘ verbunden.“
„Frieda Nothnagel“, stellte Frieda richtig. „Mein Name ist Nothnagel.“
„Frau Nothnagel“, die männliche Stimme am anderen Ende schien das Schlimmste zu erwarten, „was
kann ich für Sie tun?“
„Also“, begann Frieda, „die Sache liegt nämlich so, dass meine Tante, das heißt unsere Tante
Adelheid, sie ist eigentlich die Tante von meinem Mann…“
„Ein Trauerfall?“ fragte die Stimme. Und als es an Friedas Ende still blieb, „darf ich Ihnen mein Beileid
aussprechen?“
„Noch nicht“, erwiderte Frieda und errötete. „Nein“, sagte sie, sie wolle sich nur erkundigen.
Die Stimme von ,Gaea‘ wurde etwas kühler.
„Ja?“ fragte sie.
„Wenn man Sie in Anspruch nimmt“, fragte Frieda, „erledigen Sie dann auch Behördenangelegen-
heiten für uns? Einwohnermeldeamt, Polizei und solche Dinge?“
Die Stimme blieb distanziert höflich. „Selbstverständlich. Sobald wir von Ihnen einen Auftrag haben
und einen Totenschein in den Händen halten, informieren wir Sie anhand einer Checkliste über die
zu treffenden Maßnahmen. Einiges müssen Sie selbst erledigen, zum Beispiel die Abmeldung oder,
besser gesagt, die Ummeldung von Konten, auf die Sie als Erben vielleicht einen Anspruch haben.
Aber selbstverständlich können wir Ihnen vieles abnehmen.“
„Ach“, fragte Frieda erleichtert, „kann man sich über diese Dinge auch schon vorab informieren?
Unsere Tante ist nämlich schon sehr alt, und wenn es dann mal so weit ist ….“
„Aber sicher“, die Stimme gewann wieder an Teilnahme, „natürlich können Sie sich einmal unver-
bindlich über unsere Leistungen informieren, wir müssten dazu allerdings einen Termin vereinbaren.“

Nichts, nein überhaupt nichts, weder die Schule noch die Steuererklärung, nicht gelegentliche
Krankheiten und auch nicht die Vorbereitungen irgendwelcher Festtage hatten Frieda so beschäftigt
wie die Planungen, die Tante Adelheids Austritt aus dem irdischen Leben und ihren Eintritt in die
Ewigkeit betrafen. Denn daran glaubte Frieda Nothnagel fest: Jenseits aller dieser alltäglichen Ver-
richtungen, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenken musste, lag ein gelobtes Land, in das Tante
Adelheid Einzug halten würde, und ein kleiner Abglanz der Herrlichkeiten, die sie dabei zu Gesicht
bekäme, sollte auch auf die Hinterbliebenen fallen, wenn sie sich bei der Trauerfeier, die im Hause
abgehalten werden sollte, ein letztes Mal um die Tante scharten. Pastor Friedrich, der alle
Nothnagel-Kinder getauft hatte, würde das mit der ihm eigenen Mischung aus Familiarität und ernster
Bibelauslegung übernehmen. Außerdem mochte die Tante diesen Pfarrer, der dem Gedanken der
Ökumene besonders verbunden war. Ihre katholischen Neigungen, die wenig mit Religion und viel
mit ihren freundlichen und loyalen Erinnerungen an ihren vorausgeeilten Tunichtgut zu tun hatten,
wären bei Pastor Friedrich gut aufgehoben. Stück um Stück und Schritt für Schritt nahmen Friedas
Pläne Gestalt an. Einige Wochen hatte ihr Gedankenexperiment gedauert, aber am Ende dieser Zeit
wußte sie ganz genau, was sie im Ernstfall zu tun hätte. Frieda hatte alles genau aufgeschrieben,
es der Reihe nach in ihrer peniblen Handschrift in ein kleines Heft eingetragen, das sie streng ver-
wahrt in ihrem Schreibtisch aufhob.
Tante Adelheid ahnte nichts von den Nöten, in denen sich Frieda befand, während sie alle Vorberei-
tungen für das Ableben der Tante traf. Im Gegenteil: Ihr ging es in letzter Zeit besonders gut. Sie kam
häufig in die Küche spaziert, um sich nach dem Mittagessen zu erkundigen. Abends bei Tisch
plauderte sie mit den Kindern, besonders mit Eduard, dem Jüngsten. Eduard befand sich im ersten
Schuljahr und gab seine frischen Eindrücke von Lehrern und Schulkameraden gern zum Besten,
wenn er dies vor einem geneigten Publikum tun konnte. Und Tante Adelheid beflügelte seinen
Redefluß mit Fragen, die genauso direkt und unverstellt daherkamen wie Eduards kleine Geschichten
selbst.
Gegen den Widerstand der älteren Kinder, Elise, Erik und Ernst, der sich in flapsigen Einwürfen, in
blasierten Gesichtern oder in lautem Stöhnen kund tat, bewies die Tante in ihren Unterhaltungen mit
dem kleinen Eduard eine bemerkenswerte Ausdauer.
„Wie war das noch mal mit dem Lehrer Macke“, fragte sie ihn. „Heißt der wirklich Macke oder ist das
sein Spitzname?“
„Er heißt so, Tante“, erklärte Eduard bereitwillig, „und außerdem hat er eine Macke! Verstehst du?
Das ist doch komisch. Immer, wenn einer sagt ,Herr Macke‘, lachen sich alle schief.“ Eduard meckerte
fröhlich über diese glückliche Übereinstimmung.
„Was ist denn das, eine Macke?“ fragte die Tante. Eduards gute Laune steigerte sich.
„Verrückt“, keuchte er. „Macke heißt, einer ist verrückt.“ Eduard geriet in Gefahr, an seiner Bratkartoffel
zu ersticken.
„Also, jetzt beruhige dich“, ließ sich Fritz Nothnagel vernehmen. „Wenn du nicht ordentlich essen
kannst, geh in die Küche und iss allein.“
Die Tante verhinderte jedoch Eduards Auszug, indem sie Frieda aus großen Augen ansah und den
Kopf schüttelte. „Seit wann dürfen Verrückte denn Lehrer werden?“ fragte sie arglos. „Zu meiner Zeit
gab es das nicht.“ Nun lachten auch die älteren Kinder. Frieda fing an zu erklären, und Eduard war
gerettet. Wieder einmal.

Da es jetzt auf den Sommer zuging, war die Tante oft im Garten anzutreffen, wo sie vor Sonnenblumen
oder vor einem Fliederbusch oder einer Rosenstaude stehen blieb und den Duft dieser Gewächse
in sich aufnahm. Tante Adelheids Wohlbefinden schien Friedas Vorbereitungen etwas von ihrer
Dringlichkeit zu nehmen. Sie hatte sich ja nach allen wichtigen Einzelheiten erkundigt, alles stand
sorgfältig in Friedas kleinem Büchlein aufgezeichnet, und die Tante machte zunächst keine Anstalten,
Friedas Plan in Kraft treten zu lassen. Während der warmen Jahreszeit saß Tante Adelheid gern im
nach Osten gelegenen Wintergarten des Hauses. Gelegentlich hielt sie dort auch einen Mittagsschlaf.
Dabei bediente sie sich eines bequemen Korbsessels, den man mittels eines in seinem Inneren
verborgenen Kippmechanismus in eine fast horizontale Lage bewegen konnte. Hatte sie ihre Mittags-
ruhe beendet, brachte sich Tante Adelheid wieder in eine sitzende Position, die sie einige Minuten
lang einnahm, bevor sie aufstand und sich bemerkbar machte. Dies war – so hatte es sich einge-
bürgert – das Zeichen für Frieda oder für die fünfzehnjährige Elise, Tante Adelheid nach ihren
Wünschen zu fragen. Im Allgemeinen bat Tante Adelheid um eine Tasse Tee und um ein wenig
Gesellschaft. „Setzt du dich ein wenig zu mir?“ fragte sie dann ziemlich wahllos jedes Familienmit-
glied, das ihr über den Weg lief. Wenn sich niemand zu einem Plausch bereit fand, kam Benno, der
Hund, auf den Tante Adelheid dann begütigend einredete, so, als hätte Benno um Gesellschaft
gebeten und sei dabei abgeblitzt und nicht sie. Benno war es auch, der eines Nachmittags zwischen
drei und vier Uhr Laute von sich gab, wohl um die Tante aus ihrem Mittagsschlaf zu wecken und um
sich ihrer Zuwendung zu versichern. Als das Winseln nichts fruchtete, versuchte er es mit einem
hellen, japsenden Bellen.
„Benno, hör auf!“ rief Eduard, der im angrenzenden Zimmer seine Hausaufgaben erledigte. Er hatte
diesen Ort gewählt, um Tante Adelheid nahe zu sein, wenn sie aus ihrem Mittagsschlaf erwachte,
und um dann Gelegenheit zu haben, seine neuesten Erlebnisse aus der Schule mitzuteilen. Benno
bellte weiter, als Eduard in den Wintergarten ging, um nachzuschauen, was es denn gäbe. Tante
Adelheid lag friedlich in ihrem Sessel und rührte sich nicht.
„Tante Adelheid?“ fragte Eduard ein wenig ängstlich, weil die Tante so völlig reglos dalag. Benno
schwänzelte übertrieben, als er Eduard bemerkte und lief in Demutshaltung auf ihn zu, als wollte er
sich für den von ihm verursachten Lärm entschuldigen. „Tante Adelheid“, rief Eduard nun etwas
lauter. Keine Reaktion. „Na, dann schläft sie eben noch weiter“, sagte er zu sich selbst. „Komm,
Benno.“ Damit schloss er die Tür zum Wintergarten und begab sich wieder zu seinen Hausaufgaben.
Hauptworte mit „T“. Tanz, Tisch, Trunk, Teller, Tod. Tod? War die Tante vielleicht …….? Eduard wollte
doch lieber seiner Mutter etwas sagen.
„Die Tante rührt sich nicht in ihrem Lehnstuhl“, berichtete er Frieda, die im Garten Tomatenstauden
festband, „sie schläft einfach weiter.“
„So? Na dann, lass sie halt noch schlafen“, erwiderte Frieda, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. Doch
dann richtete sie sich plötzlich auf und fuhr ihren Jüngsten an: „Was hast du gesagt?“ Erstaunt und
ein wenig beleidigt wiederholte Eduard seine Meldung.
„Ich muss selbst nach ihr schauen“, sagte Frieda, „geh du wieder zurück zu deinen Hausaufgaben.“
Das wäre doch wirklich die Höhe, dachte Frieda, als sie aus ihren Holzpantinen geschlüpft war, um
ins Haus zu treten. Sollte jetzt plötzlich in einem Augenblick, in dem sie mit ihren Gedanken zum
ersten Mal ganz woanders gewesen war, der Fall eingetreten sein, auf den sie sich so lange vorbe-
reitet hatte? Auf Strümpfen durchquerte sie das Wohnzimmer, trat in den Wintergarten und wirklich:
Tante Adelheid lag in ihrem Sessel und rührte sich nicht. Einen Puls konnte Frieda, die aufgeregt
Tante Adelheids Handgelenke betastete, nicht fühlen.
„Tante?“ rief sie die Ruhende, leise zuerst und dann ein wenig lauter: „Tante?“ Nichts, keine Reaktion.
Das musste es wohl sein, dachte Frieda. Wie schön für die Tante, friedlich einzuschlafen an
einem sanften Frühsommertag und nicht mehr wach zu werden. Zum Glück habe ich alles gut
vorbereitet, dachte Frieda, und während sie zu ihrem Schreibtisch lief, um ihr kleines Heft zu holen,
in dem sie alles aufgezeichnet hatte, was jetzt zu geschehen sei, sprach sie leise zu sich selbst:
„Nur keine Panik jetzt, schön ruhig bleiben.“ Sie nahm das kleine Heft aus der Lade und schlug es
auf: Zunächst muss Doktor Burian kommen und Tantes Tod feststellen. War er zu Hause? Ja, Gott
sei Dank, sie hatte ihn gleich selbst am Apparat. Seit er die Praxis aufgegeben hatte und nur noch
gelegentlich Privatpatienten empfing, erreichte man ihn meistens ohne Schwierigkeiten.
„Herr Doktor“, sagte Frieda und es klang, als hätte sie Schnupfen, „Herr Doktor, es ist etwas passiert.
Mit Tante Adelheid“, fügte sie hinzu, als Doktor Burian am anderen Ende der Leitung schwieg. „Sie
ist eingeschlafen.“
Doktor Burian räusperte sich ein paar Mal. „Na ja“, ließ er sich dann vernehmen, „damit war ja irgend-
wann einmal zu rechnen, nicht wahr?“
„Wollen Sie nicht kommen, Herr Doktor?“ fragte Frieda schüchtern.
„Ja, natürlich komme ich, nicht wahr?“ antwortete Doktor Burian. „Regen Sie sich nicht auf“, setzte er
noch hinzu.
„Ich bin nicht aufgeregt, Herr Doktor“, wandte Frieda ein, „nur ein bisschen traurig. Und dann“, setzte
sie hinzu, „gibt es noch so vieles zu erledigen.“
„Na ja“, erwiderte der Doktor und legte auf.
Vielleicht ist er doch schon ein bisschen zu alt für so etwas, ging es Frieda durch den Kopf. Dieses
ewige ‚Na ja‘ und ‚nicht wahr‘. Ist mir früher nie aufgefallen.
Dann versammelte sie ihre Kinder um sich und eröffnete ihnen, dass Tante Adelheid soeben einge-
schlafen sei. Erik und Ernst verstanden nicht gleich, was gemeint war. „Deswegen brauchst du uns
doch nicht zu rufen“, meinte Erik, „die schläft doch mittags immer.“ Doch als seine Mutter ihm einen
ihrer langen, ermahnenden Blicke zuwarf, begriff er. „Du meinst?“ fragte er.
„Ja“, antwortete Frieda, „ich meine. Tante Adelheid ist tot. Ihr müsst euch jetzt entsprechend ruhig
verhalten, dies ist jetzt ein Trauerhaus.“
Trauerhaus, das klang ja furchtbar. Elise fing vorsichtshalber an zu heulen, die Jungen machten
betretene Gesichter. „Die arme Tante“, schluchzte Elise, aber Eduard korrigierte sie: „Wieso denn
arm? Die spürt ja nichts mehr? Aber ich“, setzte er wehleidig hinzu, „mir hört ja hier niemand zu. Nur
die Tante hat mich gefragt, was ich erlebe.“ Dann fing auch er an zu weinen.
„Also, Trauerhaus heißt nicht, dass ihr jetzt alle laut weinen müsst.“ Frieda versuchte, zur Normalität
zurückzukehren. Die Türglocke kam ihr zur Hilfe. Doktor Burian war eingetroffen. Er war durch das
Gartentor spaziert und stand bereits vor der Haustür, als Frieda ihm öffnete.
„Na ja“, begann Doktor Burian, „guten Tag. Wo befindet sich die Tante?“
„Im Wintergarten.“ Doktor Burian schien zufrieden, dass er keine Treppen erklimmen musste, um zu
seiner alten Patientin zu gelangen. „Na ja“, meinte er, „dann wollen wir mal sehen.“ Frieda führte ihn
zu dem Korbsessel, auf dem die Tante ruhte, zog einen Stuhl herbei, auf dem der alte Doktor Platz
nehmen konnte, und verscheuchte ihre Kinder, die sich an der Tür zum Wintergarten drängten. Dann
ging sie zum Telefon, um ihren Mann anzurufen. Inzwischen kramte Doktor Burian in seiner Arzttasche,
entnahm ihr ein hölzernes Hörrohr und öffnete mit ungelenken Fingern die oberen Knöpfe von Tante
Adelheids Kleid. Dann platzierte er das Hörrohr auf das Brustbein der Tante, legte seinen weißbe-
haarten Kopf gegen die hölzerne Ohrmuschel und schnitt dazu ein Gesicht, in dem sich Bedenken
und Anstrengung die Waage hielten. Diesen Vorgang wiederholte er einige Male. Dann tastete er an
den Handgelenken der Tante nach Pulsen, deren Vorhandensein er jedoch nach dem Ergebnis
seiner Untersuchung nicht erwartete. Mit einem Reflexhammer versuchte er, den Armen und Beinen
von Tante Adelheid irgendwelche Lebenszeichen zu entlocken. Dann schaute er ihr kurz hinter die
Augenlider. Danach warf Doktor Burian die wenigen Geräte, die er benutzt hatte, in seine abgewetzte
Arzttasche zurück und entnahm ihr ein Formular, das er nur zum Teil ausfüllte und unterschrieb. „Den
Rest“, sagte er zu der vom Telefon zurückgekehrten Frieda, „den Rest können Sie selber eintragen,
Name, Geburtsdatum – schön deutlich schreiben“, setzte er hinzu. Dann erhob er sich mit einiger
Anstrengung von seinem Stuhl. „Herzliches Beileid, Frau Nothnagel.“
„Danke, Herr Doktor.“
„Na ja.“ Und damit setzte sich Doktor Burian wieder in Bewegung. Allerdings hätte er die falsche Tür
gewählt und wäre zu den soeben von Frieda verlassenen Tomatenstauden spaziert, wenn Frieda
ihm nicht den richtigen Weg zur Haustür gewiesen hätte. „In dem Alter“, sagte Doktor Burian zum
Abschied, „kommt so etwas eben vor, nicht wahr?“
Jetzt nur einen klaren Kopf behalten, ermahnte Frieda sich selbst. „,Gaea‘ als nächstes“, sagte sie
und wählte die Nummer des Bestattungsinstituts, nachdem sie noch einmal in ihr kleines Heft
geschaut hatte. Die Stimme am Telefon intonierte die Frieda bereits sattsam bekannte Begrüßungs-
formel und klang um einen Ton tiefer und samtiger, nachdem Frieda den Anlass des nun schon seit
längerem befürchteten Ernstfalles angekündigt hatte. „Wir können in einer Stunde bei Ihnen sein.
Sie hatten ja eine Aufbahrung bei sich zu Hause gewünscht?“
„Ja, so habe man es vereinbart“, erwiderte Frieda. Nach einer Trauerfeier im Hause – die allerdings
müsse von Pastor Friedrich noch bestätigt werden – könne der Sarg dann abgeholt werden und in
der Friedhofskapelle auf seine Beisetzung warten.
„Ich würde Ihnen allerdings empfehlen, den Sarg nach spätestens drei Tagen – heute ist Dienstag,
also sagen wir am Freitag – in die Kapelle überführen zu lassen“, sagte die warme Stimme am
Telefon und fügte der Deutlichkeit halber hinzu: „Jetzt, bei diesen sommerlichen Temperaturen.“
Also müssten wir die Trauerfeier am Donnerstag abhalten oder Freitag Vormittag, sinnierte Frieda.
Solange wird Pastor Friedrich wohl brauchen, um sich vorzubereiten und ich auch.
Man war sich schnell einig. Alles war ja so gut geplant. Frieda verspürte Erleichterung, als sie sich
vorstellte, wieviel schwieriger und konfuser alles gewesen wäre, wenn sie sich nicht so gut vorbereitet
hätte. Pastor Friedrich erreichte sie auch sofort. Er war bereit, die kleine Feier im Hause Nothnagel,
die liebevolle und würdige Verabschiedung von Adelheid Tunichtgut, geborene Nothnagel, im engen
Kreise ihrer Familie am Donnerstag Nachmittag um 16.00 Uhr vorzunehmen. „Gut“, dachte Frieda,
„dann sind die Kinder alle aus der Schule zurück, Fritz kann es sich mit seiner Arbeit auch einrichten.
Außerdem, Donnerstag Nachmittag, das ist ja noch vor Ablauf der kritischen Zeit von drei Tagen, von
der dieser nette Herr bei ,Gaea‘ gesprochen hatte. Dann könnten sie den Sarg eigentlich schon am
Donnerstag Abend abholen, gleich nach der Feier. Zu Hause würde dann wieder Normalität einkehren.
So lange mit einer Toten unter einem Dach, das sei vielleicht doch zu bedrückend, dachte Frieda,
vor allem für die Kinder. Eva und Franz konnten auch kommen am Donnerstag. Es klappte also
wirklich alles wie am Schnürchen. Es gibt Tage, da gelingt einem alles, meinte Frieda. Es wäre ein
guter Tag gewesen, wenn, ja wenn der Anlass zu allen ihren kleinen organisatorischen Erfolgen
nicht so traurig gewesen wäre. Die Trauer würde schon noch kommen. Frieda kannte sich. Wenn der
Pastor erst einmal spräche, wenn sie alle einen Choral gesungen hätten: „Befiehl du deine Wege“,
dann würde sie sehr traurig sein und wohl auch weinen und sich zusammennehmen müssen. Sollte
Elise Klavier spielen? Oder wäre es besser, wenn Pastor Friedrich seinen Hilfsorganisten mitbrächte?
Na ja, das musste sie mit Elise besprechen. Vielleicht würde es zu belastend sein für das Kind.
Obwohl, auch wieder schön, der lieben Tante zum Abschied selbst noch etwas vorzuspielen.
Technische Schwierigkeiten würde Elise nicht haben. Lieder und Choräle spielte sie sicher vom Blatt.
Tante Adelheid hatte ihr immer gern zugehört.

Wieder schellte die Türglocke. Sie kamen alle auf einmal: Fritz, der sich früher als gewöhnlich von
seiner Arbeit verabschiedet hatte und die Leute von ,Gaea‘, die den Sarg brachten, in den die Tante
nun gelegt werden sollte. Als Frieda des nussbraunen Gehäuses ansichtig wurde, schnürte es ihr
plötzlich doch die Kehle zu. „Mein Gott, Tantchen“, flüsterte sie. Aber bevor sie aus der Fassung
geriet, war Fritz schon bei ihr, strich ihr über das braune Haar, in das sich hier und da graue Fäden
eingesponnen hatten und bat sie, ihm doch alles der Reihe nach zu erzählen. „Es war ja kein ganz
leichter Nachmittag für dich“, sagte er. Fritz hatte wirklich eine fabelhafte Art, auf sie einzugehen,
dachte Frieda und fing an zu erzählen.
„Wohin dürfen wir den Sarg tragen“, unterbrach einer der beiden Sargträger das Gespräch des Ehe-
paares.
„In den Wintergarten“, antwortete Frieda, „geradeaus. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg.“ Sie
ging voraus und führte die freundlichen Herren in den Wintergarten. „Eduard, was machst denn du
hier alleine?“ Frieda war erstaunt und etwas ungehalten, ihren Jüngsten im Wintergarten anzutreffen.
„Du musst die Herren jetzt mit der Tante allein lassen“, erklärte sie ihm. „Sie machen die Tante jetzt
schön und legen sie dann in den Sarg, in dem sie begraben wird. Wenn sie damit fertig sind, gehen
wir noch einmal zu ihr, ja?“
Eduard blieb ungerührt. „Sieh mal, was ich gefunden habe.“
Er hielt seiner Mutter eine kleine Schachtel entgegen. Eine flache Packung, weiß mit blauen Rändern,
auf der ein Name, ein Phantasiename und der Name einer Herstellerfirma gedruckt standen.
„Tantes Medizin“, erläuterte Eduard.
„Wo hast du denn das her?“
„Es lag neben ihr auf dem Korbstuhl.“
Frieda las die Aufschrift. Ein Schlafmittel? Sie war sich nicht ganz sicher.
„Du verschwindest jetzt“, ordnete sie an, und Eduard trollte sich, um seinen Brüdern von seinem
Fund zu berichten. Er hatte die Packung entdeckt. Vielleicht hatte die Tante sich umbringen wollen?
spekulierte er. Frieda nahm die Packung und ging zurück zu ihrem Mann, um das unterbrochene
Gespräch wieder aufzunehmen.
„Weißt du, was das ist?“ fragte sie und hielt Fritz die Schachtel vor die Augen.
Fritz buchstabierte den Namen des Präparates, dann las er den Beipackzettel für Patienten. „Nur auf
ärztliche Verordnung. Bei unerwarteten Nebenwirkungen verständigen Sie sofort Ihren Arzt“, murmelte
er.
„Ein Schlafmittel, ein ziemlich starkes offenbar“, sagte er dann. „Eines, das Vergesslichkeit und
Gedächtnisstörungen hervorrufen kann, wenn man zuviel davon schluckt.“
„Ich wusste gar nicht, dass Tante Adelheid so etwas einnimmt“, wunderte sich Frieda.
„Hat ihr Doktor Burian verschrieben“, meinte Fritz mit Bestimmtheit.
„Komm, wir gehen zu ihr.“

Im Wintergarten waren die Leichenbestatter dabei, Tante Adelheid ihrer irdischen Kleidung zu ent-
ledigen, um sie anschließend passend für die bevorstehende Reise in die Ewigkeit neu einzukleiden.
Allzu weit waren sie mit diesem Vorhaben noch nicht gediehen, denn der Körper der Tante setzte
den Handgriffen der geübten Bestatter immer wieder leise Widerstände entgegen, die von den Fach-
leuten nicht recht einzuordnen waren. „Eine Leichenstarre kann es ja noch nicht sein“, sagte einer der
Männer gerade, als Frieda und Fritz ins Zimmer traten.
„Quatsch, du stellst dich nur ungeschickt an“, nörgelte der andere. Fritz trat an Tante Adelheids Lager
und schaute sie lange prüfend an. Dann zog er einen Taschenspiegel aus dem Jackett und hielt ihn
der Tante vor Mund und Nase. In Abständen von etwa zehn Sekunden erschien auf der Spiegelfläche
ein schwacher Hauch von Feuchtigkeit, der sich schnell wieder verflüchtigte, der aber immer wieder-
kehrte – in regelmäßigen Abständen. In Fritz keimte ein Verdacht auf. „Tante!“ rief er laut, so laut, wie er
es erst einmal getan hatte, als er die Tante nach ihren Wünschen für die Gestaltung ihrer Begräbnis-
feier fragte. Nichts geschah. Frieda spürte leisen Ärger in sich aufsteigen: Wie unpassend von Fritz!
Die beiden Bestatter waren offenbar peinlich berührt. Sie sahen sich an und verstanden sich sofort.
Beide richteten sich fast gleichzeitig auf, traten einen Schritt zurück, ließen die Hände übereinander-
gelegt herunterbaumeln und blickten pikiert.
„Tante“, wollte Fritz noch einmal rufen, aber zu aller Überraschung schlug die Tote plötzlich die Augen
auf. Sie schloss sie gleich wieder und murmelte etwas, aber dann öffnete sie die Augen weit. Nach
einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr auch, Fritzens Gesicht zu fixieren. Wieder vergingen
einige Sekunden, dann huschte ein Lächeln über Tante Adelheids Gesicht.
„Mein guter Fritz“, sagte sie leise, aber deutlich vernehmbar, „sage mir doch, mein guter Fritz, welchen
Tag haben wir heute … und wie spät, sagtest du, ist es?“
„Heute ist Dienstag, Tante. Und es ist fast sechs Uhr abends, du hast lange geschlafen.“
„Ja“, erwiderte Tante Adelheid. „Und es hat mir gut getan. Ich habe so lange nicht mehr richtig fest
geschlafen.“
„Tante, hast du Schlaftabletten genommen?“ drang Fritz nun auf sie ein.
„Was?“
„Ob du Schlaftabletten eingenommen hast.“
Die Tante ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Aber hatten sie nicht schon damit begonnen, sie für die
Ewigkeit vorzubereiten? Gemessen daran kam ihre Antwort bemerkenswert rasch.
„Aber, mein guter Fritz, du weißt doch, ich nehme nie etwas ein. Keine Tabletten, nie.“ Die Tante
schüttelte den Kopf. Es war eine schwache Bewegung, aber sie war so energisch, wie man sie von
einer aus der Ewigkeit zurückgekehrten alten Frau erwarten durfte.
„Wir müssen einen Arzt holen“, entschied Fritz. Frieda nickte, die Bestatter nickten ebenfalls, wollten
aber nicht länger stören und verschwanden überraschend schnell mit ihrem nussbraunen Gehäuse.
Frieda fühlte sich, als hätte sie Blei in den Gliedern. Würde sie es noch bis zum Telefon schaffen?
„Aber nicht Doktor Burian“, rief ihr Fritz nach.
Nein, nicht Doktor Burian, keinen Totenschein und nicht Pastor Friedrich, keine Trauerfeier, auch
nicht ,Gaea‘, keinen Friedhof. Sie musste alles rückgängig machen. Aber wozu hatte sie ihr kleines
Heft, in dem alles aufgeschrieben war, was sie im schlimmsten Falle zu unternehmen hätte? Was
auf der ersten Seite stand, hatte sie bereits eingeleitet. Sie musste es einfach in umgekehrter
Reihenfolge wieder korrigieren, die Seite von unten nach oben lesen, Punkt für Punkt, bis sie bei
Tante Adelheid angekommen war, die sich entschlossen hatte weiterzuleben.
„So ein Heft ist doch keine schlechte Sache“, dachte Frieda und wählte unterdessen die Nummer
von Franz und Eva. Eduard kam in die Küche gerannt. Hinter ihm Erik, Ernst und Elise.
„Stimmt das“, rief der Älteste, „hat Tante Adelheid Selbstmord machen wollen?“
Frieda legte den Hörer auf. „Nein, sie hat nur zu viele Tabletten eingenommen“, erklärte sie ihren
Kindern, “ und hat ganz tief und lange geschlafen. Sie ist nicht tot. Aber Eduard hat uns auf die richtige
Spur gebracht. Er hat die Tabletten gefunden.“
„Siehste!“ rief Eduard seinem älteren Bruder entgegen.
„Wahnsinn“, sagte Ernst.
„Du glaubst es nicht“, sekundierte Elise. Eduard strahlte. Sein Abend war gerettet.

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