Du fehlst mir.

Autor Jürgen Drews

Die Stelle im Krankenhaus Findling habe ich damals nur wegen der schönen Umgebung angenommen.
Die Klinik liegt etwas erhöht, und viele Krankenzimmer gewähren ihren meistens nicht sehr kranken
Insassen einen reizvollen Blick auf den Spatzenberger See und dessen östliches Ufer. Dort liegt Hügel,
ein malerischer Ort, und am Ostufer selbst gibt es so manche verschwiegene Stelle, die in der Erinn-
erung des hier ansässigen frommen und rechtschaffenen Volkes mit den glücklichen und auch mit den
weniger glücklichen Stunden ihres verehrten Königs Leopold verbunden sind.
Ich allerdings dachte, wenn ich diese freundlichen Räume bei der Morgenvisite betrat, nicht an diesen
König. Vielmehr sah ich mich im Geiste auf meinem Mountain Bike den Spatzenberger See umrunden
oder das hügelige Land zwischen Spatzenberger und Amsberger See durchstreifen.
Als ich die Stelle annahm, hatte ich mir solche Ausflüge in leuchtenden Farben ausgemalt. Natürlich
war mir bewusst, dass so etwas nur im Sommer möglich sein würde. Im Winter wäre hier sicher alles
verschneit, aber da boten sich als ebenfalls gesunde und angenehme Mittel der Fortbewegung Lang-
laufski an.
Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass es im Spatzenberger Land so viel regnen würde, auch
mit der Kälte, die in Gestalt der vielen Eisheiligen, der Schafskälte und anderer im Bauernkalender
vorgesehener Abkühlungen bis weit in den Juni andauern kann, hatte ich nicht gerechnet. Und im Winter
nahmen die Niederschläge ja noch zu. Sie kamen als Schnee, als Graupelschauer, allzu oft eben auch
als Regen. Die geschlossene, im Sonnenschein funkelnde Schneedecke, über die ich auf meinen
federleichten Brettern dahingleiten konnte, kam relativ selten zustande. Um meinen Bewegungshunger
auch bei Kälte, Schnee, Regen oder Dunkelheit stillen zu können, kaufte ich mir einen Heimtrainer, den
ich im Keller meines kleinen Hauses so aufstellte, dass ich beim Strampeln fernsehen und auf diese
Weise erfahren konnte, was sich außerhalb des Spatzenberger Landes zugetragen hatte.
Aber nicht von diesen kleinen Enttäuschungen soll hier die Rede sein, sondern von gelegentlich doch
stattfindenden Streifzügen durch die morgenfrische Landschaft, vom Schimmer der Wiesen, den
heiteren Dörfern, die einen sportlichen Radfahrer mit einem Willkommensschild begrüßen und ihn
gleich darauf mit einem holzgeschnitzten „Pfüa Gott“ wieder entlassen, von den eindeutigen Gerüchen
einer intensiv betriebenen Landwirtschaft (im Unterschied zu den verhalteneren Düften einer extensiven
Bewirtschaftung), von Bauernhäusern, deren Balkonbrüstungen überquellen von Geranien, Begonien,
Petunien, Fuchsien und anderen Sommerblumen in ihren aufrechten und hängenden Spielarten, vom
Duft der Gräser und Holunderbüsche, der so intensiv sein konnte, dass er mich an meine für über-
wunden gehaltene Neigung zu Heuschnupfen und allergischem Asthma erinnerte und an sausende
Abfahrten durch Wiesen oder durch Waldstücke, an deren Ende plötzlich ein Wasserfläche in der
Morgensonne glitzerte.
Natürlich kann man am frühen Morgen in den Strudel des Berufsverkehrs geraten, was gefährlich
werden kann, denn, wenn es um pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz geht, verwandelt sich das
heitere und eher zutrauliche Naturell der Spatzenberger zuweilen in Todesmut, der vor nichts zurück-
schreckt. Allerdings kann man diesen Gefahren ausweichen, wenn man weiß, welche Straßen um
welche Zeit besonders häufig durchrast werden und wie man solche Gefahrenstrecken am besten
umfährt. Bereits in meinem ersten Sommer in Findling hatte ich mir ein hübsches Repertoire von
Strecken ausgearbeitet.
Gelegentlich geriet ich beim Erkunden von Wegen, die in den käuflichen Karten nicht oder nur unvoll-
ständig eingezeichnet waren, in unbekanntes Gelände. So ging es mir eines Tages, als ich versuchte,
von dem auf einem Hochplateau gelegenen Gut Kirschbach einen wenig befahrenen, aber auch
nicht allzu beschwerlichen Weg hinunter zum Spatzenberger See zu finden. Zwei Waldarbeiter
beschrieben mir eine schmale, asphaltierte Straße, die über Oberderfling nach Derfling hinunterführe.
Sie sei wenig befahren und für Radfahrer das reine Vergnügen. Wie die Männer angekündigt hatten,
führte mich der Waldweg, auf dem ich mich befand, bald auf eine kleine Landstraße, die von
Oberbeerling her kam, und von dort ging es nach Süden hinunter nach Derfling zum Spatzenberger
See. Die Waldarbeiter hatten die Abfahrt gut beschrieben. Ein kleines Holzschild bestätigte mir, dass
ich auf dem richtigen Weg war. Die Straße führte bergab – es würde Spaß machen, allein und unbe-
helligt von Autos die fünf oder sechs Kilometer bis nach Derfling hinunterzuflitzen. Etwa fünfzig Meter
nach der Abzweigung sah ich auf der Straße große weiße Buchstaben aufleuchten. Ich fuhr langsamer,
um die quer über die Fahrbahn geschriebene Botschaft lesen zu können. „Prinzessin, du fehlst mir“,
stand da in 30 oder 40 Zentimeter hohen Buchstaben. Was für eine originelle Art, einer Prinzessin
mitzuteilen, dass sie vermisst würde. Während ich die kurvige Straße hinunterfuhr, überlegte ich, wer
diesen Satz geschrieben haben könnte. Ein junger Mann, der seine Freundin auf diesem Wege bitten
wollte, wieder zu ihm zurückzukommen? Vielleicht hatte sie ihn nach einem Streit verlassen, und nun
versuchte er, sie zurückzugewinnen. Aber, überlegte ich, während ich durch Oberderfling fuhr, warum
griff der junge Mann nicht einfach zum Telefon? Er konnte sie anrufen, ihr ein E-mail schicken. Oder ihr
einen altmodischen Brief schreiben.
Oberderfling, das waren wirklich nur ein paar Häuser. Sie liegen inmitten von Wiesen, die ihrerseits
von hohem Wald umstanden sind. Ein Märchenort, besonders jetzt im Sommer, wo die Blumen aus
den Bauerngärten leuchteten. Ob die Prinzessin hier wohnte?
Vielleicht, sagte ich mir, hatte er das alles schon versucht – und die Botschaft auf der Straße war ihm
als letztes Mittel erschienen, den Sinn der Prinzessin noch zu wenden?
Jetzt schimmerte der Spiegel des Sees schon durch die Baumstämme. Willkommen in Derfling, grüßte
ein Schild. Ich kam wieder in bewohnte Gegenden, fand einen Weg hinunter zum Seeufer und von dort
zurück nach Findling.
Diese erste Begegnung mit der Inschrift auf der Straße nach Derfling liegt nun schon fast zwei Jahre
zurück. Immer wieder bin ich die Straße nach Derfling hinuntergefahren. Oft, wenn ich mit dem Rad
unterwegs war, kam mir die Botschaft in den Sinn, und ich fragte mich, ob sie wohl noch da stünde.
Dann richtete ich es so ein, dass ich am Ende eines Ausflugs zum Gut Kirschbach kam, entweder
über Achterding, über Oberbeerling oder auch auf einem sehr holprigen aber einsamen Waldweg
direkt vom Kloster Allseits. Ja, da stand dieser Satz und berührte mich jedes Mal von Neuem. Die
Schrift hatte kaum etwas von ihrer Leuchtkraft verloren, obwohl es inzwischen geregnet und geschneit
hatte und die Straße im Winter auch überfroren gewesen sein musste. Immer noch stand da:
Prinzessin, du fehlst mir.
Vielleicht waren die Prinzessin und der Schreiber dieser Botschaft längst wieder vereint. Aber auch das
Gegenteil konnte eingetreten sein. Ihre Wege konnten sich auf immer getrennt haben. Er konnte eine
neue Prinzessin gefunden haben und sie vielleicht einen neuen Prinzen. Und immer noch stand dieser
Schriftzug auf der Straße und tat so als fehle die Prinzessin noch immer. Ein Gefühl lag da auf der
Straße und fand keinen Adressaten.
Als ich einige Wochen später wieder an der Schrift vorbei fuhr, überfiel mich ein ganz anderer Gedanke
. Es könnte ja auch ein Verkehrsunfall gewesen sein, schoss es mir durch den Kopf. In Gedanken sah
ich eines dieser kleinen schäbigen Autos – ich stellte mir immer klapprige Fiats oder Opel vor – mit
überhöhter Geschwindigkeit nach Oberderfling fahren. Es hatte geregnet, die Straße war schlüpfrig,
außerdem dämmerte es bereits – da passierte es eben:
Der junge Mann verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, prallte gegen einen Baum und verlor das
Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, beugten sich fremde, weiß verhüllte Gesichter über ihn, sein
Schädel dröhnte, alles an ihm war Schmerz, er hatte Mühe zu atmen, jemand rief: „Sauerstoff“, dann
fiel wieder ein Vorhang. Und als der Vorhang sich dann erneut hob, saß ein Arzt neben seinem Bett
und teilte ihm mit, dass er noch einmal Glück gehabt habe, unwahrscheinliches Glück – denn alles
würde wieder zusammenwachsen, seine Knochenbrüche, die Platz- und Schnittwunden. Da dämmerte
ihm, dass die Prinzessin neben ihm nicht so glimpflich davon gekommen war. Nein, sagte der Arzt,
nein – wir konnten nichts mehr für sie tun.
„Ist sie schon…?“ fragte der junge Mann, und der Arzt nickte ernst und sagte: „Ja, das Begräbnis hat
schon stattgefunden … Sie waren lange bewusstlos.“
„Wo?“ hörte ich den jungen Mann fragen, mit tonloser Stimme.
„Auf dem Derflinger Waldfriedhof.“
Der lag jetzt, während ich bergab rollte, links von mir. Und von nun an zog es den jungen Mann, kaum,
dass er sein Krankenlager verlassen durfte, zu der Unfallstelle. Hier, sagte er sich, und konnte es
immer noch nicht fassen, nie würde er es fassen können, hier ist es passiert. Hier an dieser Stelle
übermannten ihn Trauer und Fassungslosigkeit, hier an diesem stillen Ort konnte er sich einbilden, es
habe sich in der Welt nichts verändert. Die Bäume standen ja da wie schon immer, das Gesträuch, die
Vögel zwitscherten, die Sonne schien, dann regnete es, alles hier war genau wie er es schon lange
kannte. Dieser Ort war neutral. Vorher und Nachher waren ihm einerlei. Hier konnte der junge Mann
seine Sehnsucht benennen, seine Not stumm hinausschreien in die frühlingshafte Welt, sie den
Bäumen anvertrauen, den Geschöpfen, die hier lebten, auch den gelegentlich vorbeikommenden
Wanderen und Radfahrern in einem einfachen, an Deutlichkeit nicht zu überbietenden Satz – „Du fehlst
mir“ – das erschien ihm als die einzige Möglichkeit, seinem Elend etwas entgegenzusetzen.
Dass ich an diese traurige und niederschmetternde Variante meiner Geschichte nicht früher gedacht
hatte – typisch, dachte ich. Jetzt machte ich mir Vorwürfe: Im Ausdenken romantischer Geschichten bist
du unerschöpflich, findest kein Ende, aber an Tod, Schuld und an Elend denkst du nicht gern. Ist ja auch
unangenehm, nicht wahr? Das Unangenehme hast du ja immer nach Kräften vermieden.
Dieser Unfallgedanke verstörte mich. Ich fuhr unaufmerksamer ins Tal als sonst. Bald nachdem ich
das Ortsschild passiert hatte, auf dem den Besuchern von Derfling der übliche Willkommensgruß
entboten wurde, merkte ich, dass mit meinem Rad etwas nicht in Ordnung war. Richtig. Ich hatte einen
platten Hinterreifen. Ich stieg ab, musterte den Reifen, konnte aber nichts entdecken, was mir mein
Missgeschick erklärt hätte. Keinen Nagel, keinen Riss im Mantel. Ein Glassplitter vermutete ich. Kleine
Glassplitter durchbohren den Reifen und werden anschließend durch die Fliehkraft wieder entfernt.
Ich sah auf die Uhr. Sieben Uhr dreißig. Samstag. Unten im Ort gab es ein Fahrradgeschäft. Vor neun
Uhr aber würden die nicht aufmachen. Es blieb mir nichts übrig, ich musste zu Fuß weitergehen. Ich
brauchte fast eine halbe Stunde für eine Strecke, die ich mit dem Rad in wenigen Minuten zurückgelegt
hätte. Erst, als ich mich der Hauptstraße von Derfling näherte, begegnete mir jemand. Es handelte
sich um einen älteren Herren, der von unten aus dem Dorf kam und einen gefüllten Beutel trug. Hier
in Derfling, wie übrigens auch in Findling, gab es Bäcker, die ihre Läden meistens geschlossen hielten,
die aber in den frühen Morgenstunden, zu nachtschlafener Zeit also, frische Brötchen anboten. Ich blieb
stehen. In meiner Radfahrerkluft fühle ich mich immer etwas unsicher. Diese eng anliegenden
Elastikhosen, ein Hemd, bunt wie eine Litfasssäule und dann dieser fürchterliche Helm, der mir das
Aussehen eines Dorfdeppen verleiht. Diese Kleidung ist zum schnellen Vorüberfahren konstruiert, nicht
zum Stehenbleiben und Gesehenwerden. So trete ich nicht gern vor andere Menschen hin, schon gar
nicht vor situierte Bürger, die am Samstagmorgen frische Brötchen kaufen. Aber der ältere Herr wirkte
sympathisch. Zur Sicherheit nahm ich meinen Helm ab und schilderte ihm mein Missgeschick. „Ob die
da unten“, ich wies auf das Fahrradgeschäft, “ vielleicht auch schon früher ansprechbar sind? Aber dazu
müsste ich telefonieren.“
„Kommen Sie mit mir“, sagte der nette Her. Für die Tageszeit und die Umgebung war er mit einem
grauen Straßenanzug fast zu gut angezogen. Auf eine Krawatte allerdings hatte er verzichtet.
„Ich habe frische Brötchen geholt, das tue ich jeden Morgen, seidem ich pensioniert bin.“ Für einen
Pensionär wirkte er jung. Sein Schnurrbart war noch ganz dunkel, unter sein welliges Haupthaar hatten
sich allerdings schon graue Strähnen gemischt. „Ich heiße Koflacher“, sagte er und lächelte mich an.
„Werner Koflacher.“
„Peter Flückiger“, erwiderte ich und fügte hinzu, dass ich es sehr nett von ihm fände, wenn er mir helfen
wolle. Bis zu seinem Haus waren es nur wenige Schritte. Herr Koflacher bewohnte ein spitzgiebliges,
hellgelb angestrichenes Haus, das in einem kleinen Garten stand und von Rosenstöcken und Blumen-
rabatten umgeben war. Mit seiner Stirnseite schaute es auf die Straße. Rechts am Haus führte eine
Treppe aus Klinkersteinen zur seitlich angebrachten Eingangstür, links befand sich eine Garage.
„Gehen Sie doch gleich zum Garagentor“, schlug Her Koflacher vor, „ich liefere nur meine Brötchen ab,
bin gleich bei Ihnen.“
Ich stellte mich also vor das Garagentor und wartete, bis es aufging. Auf der linken Seite der Garage
stand ein alter Mercedes – „mein ehemaliger Dienstwagen“ – erklärte mir Herr Koflacher, die rechte
Seite der Garage hatte er sich als Werkstatt eingerichtet. Er nahm mein Rad, hing es in ein Geschirr
von Schnüren und Riemen, die an der Decke befestigt waren, und hatte im Nu das Hinterrad abmontiert.
Mit ein paar Handgriffen nahm er den Reifen und anschließend auch den Schlauch von der Felge. Seine
Einrichtung hätte jedem Fahrradgeschäft wohl angestanden. „Ich fahre nämlich auch gern Rad“,
erklärte er, „und da mach ich mir fast alles selber. Hab ja jetzt Zeit.“ Schnell hatte er das kleine Loch
im Schlauch gefunden. Er trat mit dem Schlauch an der Hand nahe an ein Fenster, um den Schaden
bei hellerem Licht besser beurteilen zu können. „Glas vermutlich.“ Er kramte in einer Schublade unter
einer Werkbank. „Mal sehen“, murmelte er, „ob ich so einen noch habe.“ Er fand einen passenden
Schlauch, füllte ihn aus einer Standleitung mit ein wenig Luft und montierte ihn wieder auf die Felge.
Dann stülpte er auch den Mantel darüber und blies den Reifen bis zur vollen Härte auf. „Einhundert
Psi“, sagte er, während er das Hinterrad schon wieder montierte. Es ging alles so schnell – wenn mir
das in einer Werkstatt passiert wäre, hätte ich mich anerkennend geäußert, aber hier, bei einem
pensionierte älteren Mann war ich sprachlos. Erst nachdem er mit allem fertig war, fragte ich: „Was
war denn Ihr Beruf, Herr Koflacher, hatten Sie mal was mit Rädern zu tun?“
Er lachte. „Nein, das hier“, er zeigte auf die Garagenwerkstatt, „ist Hobby. Ich war Kriminalkommissar.“
Er zögerte einen Moment, bevor er hinzufügte – „drinnen in Municon.“
„Und jetzt? Keine Fälle mehr?“
„Ich segle gern, von Birndorf aus. Und außerdem bestelle ich meinen Garten. Haben Sie bemerkt,
wie schön er ist?“ Er nahm das Fahrrad aus dem Geschirr und stellte es vor mich hin. „Jetzt können’S
wieder fahren.“
„Was bin ich schuldig?“ fragte ich dummerweise. Es war einfach alles zu schnell gegangen.
Er lächelte. „Sie sind doch der Dr. Flückiger von der Klinik drüben – in Findling?“
Ich nickte. „Ja, wie kommen Sie darauf?“
„Sie haben sich doch vorgestellt, außerdem habe ich Sie drüben in der Klinik einmal gesehen, als ich
zur Untersuchung da war.“
„Wenn Sie mal Hilfe brauchen, Herr Koflacher, so schnell wie bei Ihnen geht’s bei mir sicher nicht,
aber wir kennen uns ja jetzt. Vergelt’s Gott.“ Ich redete schon wie ein Einheimischer.
Dann fiel mir plötzlich wieder die Schrift ein, die jemand ein paar Kilometer weiter oben auf die Straße
geschrieben hatte. Wenn Koflacher Kriminalkommissar gewesen war, vielleicht konnte er herausbe-
kommen, wer das geschrieben hatte und vor allem für wen? Ob er die Leute aus der Gegend kannte?
„Herr Koflacher“, ich war mir nicht sicher, wie ich die Sache einfädeln sollte. „Haben Sie noch einen
Moment Zeit? Ich würd Sie gern etwas fragen.“
Er nickte und zeigte auf einen Schemel, der neben der Werkbank stand. „Ich würde Sie gern auf einen
Kaffee hereinbitten, aber meine Frau ist weggefahren, zu unseren Kindern.“
Ich wehrte ab. „Nein, um Gottes Willen, Sie haben ja wirklich schon genug für mich getan.“
Er nahm nun auch Platz. Ich erzählte ihm von der Botschaft, die jemand auf den Asphalt der Straße
oben im Wald geschrieben hatte. Er schaute mich verständnislos an. „Die Straße, die von Kirschbach
über Oberderfling nach Derfling führt.“
Er schüttelte den Kopf. „Da fahre ich nie lang.“
Natürlich war ich enttäuscht, aber ich hatte den Mann jetzt lange genug aufgehalten. „Na dann, es war
auch nur so eine Frage, pure Neugier“, sagte ich und wollte aufstehen, aber Herr Koflacher schien
plötzlich Interesse an der Sache zu haben.
„Ich sehe es mir gern an – noch heute, wenn Sie wollen“, bot er an. Dann erzählte ich ihm von meinen
Deutungen, der romantischen und der tragischen.
„Es könnte auch die Reaktion auf ein Verbrechen gewesen sein“, sagte Herr Koflacher zu meiner
Überraschung. „Vielleicht ist die Prinzessin einem Mord zum Opfer gefallen? Oder einem Unfall, bei
dem der Verursacher sich schuldhaft verhielt?“
„Um Gotteswillen“, entfuhr es mir, „daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht.“
„Sieht man die Schrift auch, wenn man von unten nach oben fährt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe es nie ausprobiert.“
„Wäre wichtig zu wissen. Könnte uns helfen herauszufinden, für wen die Botschaft bestimmt war.“
„Ja“, sagte ich kleinlaut und fragte. „Darf ich Ihnen meine Telefonnummer geben?“
Koflacher nickte, griff nach einem alten Kalender und notierte mit einem Bleistift meine Telefonnummer.
„Und hier ist meine Adresse“, sagte er und zog ein feines, weißes Kärtchen aus seiner Westentasche.
Werner Koflacher, Kriminalkommissar im Ruhestand. Oberer Seeweg 18, Derfling am See. Telefon-
nummer.
„Ich rufe Sie an, wenn ich mich erkundigt habe“, versicherte mir Herr Koflacher. „Aber eine Woche wird
es dauern – mindestens.“
„Sie können mich auch in der Klinik anrufen“, sagte ich zum Abschied. „Jederzeit. Einfach die Nummer
des Krankenhauses in Findling wählen und nach mir fragen.“
Koflacher versprach es, und ich fuhr an diesem strahlenden Sommermorgen am Ufer des Spatzen-
berger Sees hinüber nach Findling.
Ich muss gestehen, dass ich in den nächsten Tagen mit einiger Ungeduld auf einen Anruf des
Kriminalkommissars i. R. Werner Koflacher wartete. Aber hatte er mich nicht gewarnt, dass er etwas
Zeit brauchen würde? Außerdem war es ja auch kein Fall im üblichen Sinn, kein Fall für einen
Kriminalbeamten. Aber Koflacher stammte aus der Gegend, er sprach dieses herzige alpine Deutsch,
dem wir Norddeutschen nichts entgegenzusetzen haben, außer eben Hochdeutsch. Er würde mit den
Leuten reden können und Dinge herausbringen, die mir nie anvertraut würden. Also Geduld.
Dann vergaß ich die Geschichte einige Tage lang. Es regnete, ich musste mit meinem Heimtrainer
vorlieb nehmen, außerdem hatte ich mehr Arbeit als sonst, weil ich einen Kollegen in der Ambulanz
vertrat – zusätzlich zu meiner normalen Arbeit auf der Station, versteht sich.
Es war Mittwoch, mein Ambulanztag. Ich hatte gerade einige Patienten untersucht und beraten. Es
war eine kleine Pause entstanden, die ich für eine schnelle Visite auf meiner Station ausnutzen könnte,
überlegte ich. Da kam Schwester Gertrud in mein Sprechzimmer. „Draußen sitzt noch einer. Er ist
nicht angemeldet und verlangt, Sie zu sprechen. In einer persönlichen Angelegenheit, sagt er.“
Das klang ungewöhnlich. „Ich sehe selbst nach.“
Im Wartezimmer saß nur ein einzelner Patient, nein, das war ja Herr Koflacher.
„Guten Morgen“, sagte ich und freute mich, meinen Wohltäter von neulich wiederzusehen. Er stand auf,
lächelte und streckte mir die Hand entgegen. Das Wetter hatte sich wieder gebessert: Herr Koflacher
trug an diesem Mittwochmorgen einen beigefarbenen Sommeranzug. Krank sah er nicht aus.
Trotzdem fragte ich ihn vorsichtshalber, ob ich medizinisch etwas für ihn tun könne, aber er winkte ab.
„Haben Sie ein wenig Zeit?“
„Eigentlich nicht“, hätte ich antworten müssen, schon wegen der Visite. Aber das Gespräch mit
Koflacher war mir wichtig. „Schwester Gertrud, sagen Sie Bescheid, dass ich ein wenig später zur
Visite komme?“ Sie machte ein pikiertes Gesicht und murmelte etwas von „auch einmal fertig werden“,
aber ich blieb höflich. „Nur eine Viertelstunde, ja?“ Dann schloss ich die Tür meines Sprechzimmers.
Koflacher nahm auf dem Besucherstuhl an meinem Schreibtisch Platz.
„Haben Sie was herausgefunden?“ fragte ich.
„Wie man’s nimmt.“ Koflacher machte es spannend.
„Ich würde mich gern in aller Ruhe mit Ihnen unterhalten, Herr Koflacher, aber um diese Zeit bin ich
immer ein wenig in Eile.“
Koflacher winkte ab. „Na, na, des is schnell erledigt“, sagte er. „Also“, er legte seine Ellenbogen auf
den Schreibtisch und beugte sich zu mir herüber. „Ein Unfall hat an der besagten Stelle nicht stattge-
funden“, sagte er. „Bei der Spatzenberger Verkehrspolizei gibt es keine Hinweise auf irgendeinen
Unfall an dieser Straße. Das ist also nix passiert.“
Gut. Das war immerhin eine erfreuliche Nachricht, fand ich.
„Na, Gott sei Dank.“
„Zweiter Punkt.“ Koflacher war noch nicht fertig. „In Oberderfling hat es nie ein Gewaltverbrechen
gegeben, jedenfalls ist der Polizei nie etwas Derartiges bekannt geworden.“ Er lehnte sich zurück.
„Mit Derfling ist es schon etwas anderes.“ Er sah mich an. „Sie werden das verstehen, ist ja ein
größerer Ort, da geschieht schon mal was. Aber“, Koflacher schüttelte den Kopf, „es gab während
der letzten fünf Jahre im ganzen Landkreis Spatzenberg kein weibliches Opfer von Mord oder
Totschlag, auf welches die Beschreibung ‚Prinzessin‘ gepasst hätte.“
Ich nickte zufrieden. „Ich habe die Botschaft im Wald auch immer anders verstanden“, sagte ich.
„Freilich, man weiß ja nie.“ Koflacher wollte diese Kapitel noch nicht ganz schließen, „aber es passt
eigentlich alles nicht.“
„Hat es denn in Derfling oder hier in der Gegend überhaupt Gewaltverbrechen gegeben?“
„Einige Verletzungen mit Todesfolge – bei Schlägereien.“ Koflacher verzog die Mundwinkel und
schüttelte noch einmal den Kopf, als wolle er andeuten, dass solche Vorkommnisse nicht der Rede
wert seien. „Eine Frau ist bei so etwas nie zu Schaden gekommen, wenn man von einer Dame
absieht, die sich zu Tode gesoffen hat, weil ihr Liebhaber sie verlassen hatte. Es hat kein Fremd-
verschulden vorgelegen“, fügte Koflacher hinzu. „Ich habe die Akten einsehen dürfen. Das ist ein ganz
anderes Milieu. Hat nichts mit unserer Geschichte zu tun.“
Schwester Gertrud schaute durch die Tür. „Ich muss jetzt gehen, verstehen Sie’s nicht falsch, Herr
Koflacher…“
„Ja, ja, hab schon verstanden, die Visite. Sie sind ja noch jung.“ Koflacher grinste. „Ein vielbeschäftigter
Arzt.“
„Ich bin froh, dass es kein Unfall war“, sagte ich und stand auf. „Ich denke, es war oder ist eine Liebes-
geschichte, eine ungewöhnliche Geschichte vielleicht, und die Akteure wohnen alle hier in der
Gegend.“ Ich steckte das Stethoskop ein, das auf dem Schreibtisch lag. „In Derfling, Oberderfling,
Oberbeerling – können Sie da nicht mal ein bisschen herumhören?“
Wir schüttelten uns die Hand. „Ich kann’s ja versuchen“, sagte Koflacher. Es klang allerdings nicht
sehr zuversichtlich.
„Vielen Dank für Ihren Besuch“, sagte ich, während wir die Ambulanz verließen. „Ich bin ganz
erleichtert.“
Während ich meine Patienten besuchte und bei dieser Gelegenheit die Ausblicke bewunderte, die
unsere Krankenzimmer den Patienten boten, dachte ich an Koflacher. Der interessierte sich wohl in
erster Linie für Straftaten, vielleicht noch für Verkehrsunfälle, bei denen mindestens einer der Unfall-
partner „schuldhaftes Verhalten“ gezeigt hatte. So hatte er sich doch ausgedrückt. Hoffentlich
übertreibt er es nicht bei seinen Erkundigungen. Er war wohl doch nicht die richtige Person für diese
Geschichte. Aber vielleicht verlor er auch die Lust an der Sache, und alles würde im Sande verlaufen.

Im August wurde das Wetter mit einem Mal sehr schön. Ich war morgens regelmäßig mit dem Rad
unterwegs, fuhr allerdings meistens auf Strecken, die mich nicht in die Gegend von Kirschbach
führten. Die Tage wurden ja auch schon wieder kürzer, es wurde später hell, bis zum Dienstbeginn
in der Klinik blieb mir nicht mehr so viel Zeit. An Wochenenden versuchte ich, das während der Woche
Versäumte nachzuholen. An einem Sonntagmorgen fuhr ich über Verding und Bocksberg hinunter
nach Kusching, umrundete den Ammersberger See und kam dann auf dem Rückweg in die Gegend
von Entenhausen. Von hier aus war es ja nicht mehr weit bis zu meiner Straße, die Oberbeerling mit
Oberderfling und Derfling verband. War die Schrift noch da? Ja, sie war noch da, groß, deutlich, gut
lesbar, aber wie mir schien, doch etwas abgeblasst. Eigentlich schade dachte ich, als ich bergab
rollte, aber das ist wohl der Lauf der Welt. Irgendwann verwittert auch das geschriebene Wort.
Am Abend dieses Tages rief mich Koflacher an. Er sei mit seiner Frau in den Ferien gewesen und
habe die Ermittlungen erst vor zwei Wochen wieder aufnehmen können. Immerhin aber gäbe es
einiges zu berichten. Er habe den Kreis der Verdächtigen einengen können. Ich wunderte mich über
Koflachers Ausdrucksweise, aber hatte ich so etwas nicht befürchtet?
Wir trafen uns am nächsten Abend im Allseiter Hof, hinten im Garten unter den Linden in Derfling.
Koflacher hatte einen Aktenordner mitgebracht, den er öffnete, sobald der Wirt uns bedient hatte.
„Ich habe mich inzwischen bei den Standesämtern der Umgebung umgeschaut“, sagte Koflacher,
nachdem er einen Schluck Bier getrunken und sich mit dem Handrücken den Schaum von seinem
Schnurrbart gewischt hatte. „Wir müssen davon ausgehen, dass es sich bei dem Verfasser der
besagten Zeile um einen jüngeren Mann handelt, dem seine Frau davon gelaufen ist. Der Einfachheit
halber habe ich angenommen, dass der Betroffene in Oberderfling, eventuell auch in Oberbeerling
ansässig ist, denn für beide Orte ist unsere Straße eine wichtige Zufahrt. Wenn der verlassene Mann
weiter unten wohnte, hier in Derfling zum Beispiel, dann hätte er die Botschaft wohl kurz vor Derfling
auf die Fahrbahn geschrieben.“ Koflacher nahm einen weiteren Schluck Bier. In mir verstärkte sich
das Gefühl, dass unsere Nachforschungen einen ganz falschen Verlauf nahmen. Aber ich hatte
Koflacher nun einmal gebeten, sich zu erkundigen, jetzt musste ich ihn wohl auch anhören.
„In der fraglichen Zeit, also in den letzten drei Jahren, hat es in Oberderfling einen einzigen Fall
gegeben, der zu der Beschriftung der Straße – rechtlich handelt es sich übrigens um eine Ordnungs-
widrigkeit – hätte Anlass geben können.“
„Ja? Und was war das für ein Fall?“
„Antrag auf Scheidung, beim Amtsgericht in Spatzenberg eingereicht durch den Malermeister Arthur
Weiskopf, wohnhaft in Oberderfling, im Mai 2000. Grund: Seine Frau Erna Weiskopf, geborene
Margreither, habe ihn und seine fünf unmündigen Kinder“ – es folgte eine Liste mit den Namen und
den eng aufeinander folgenden Geburtsdaten dieser Kinder – „böswillig verlassen.“
„Und?“ Irgendwie schien mir Koflacher auf der falschen Spur zu sein. Welche Mutter von fünf Kindern
würde von ihrem Mann, nachdem sie ihn verlassen hatte, noch mit „Prinzessin“ tituliert werden?
Vermutlich, dachte ich, sind der Frau Weiskopf einfach mal die Sicherungen durchgeknallt, und sie
ist davongerannt. Aber das konnte ich Herrn Koflacher nicht so ohne weiteres vorschlagen.
„Wie ging es dann weiter?“
„Der Scheidungsantrag wurde nach zwei Monaten wieder zurückgezogen mit der Begründung, dass
nun, das war am 15. August, kein böswilliges Verlassen mehr vorliege.“
„Und warum verdächtigen Sie den Herrn Weiskopf?“ Jetzt redete ich schon wie Koflacher. Der
räusperte sich und trank, um seine Stimme geschmeidig zu machen, wieder von seinem Bier. „Ich
habe mich beim Wirt in Oberderfling erkundigt. Der Arthur sei verzweifelt gewesen, hat er mir berichtet.
Die Frau sei mit einem anderen Mann durchgebrannt.“
„Weiß man, warum?“
Koflacher zuckte die Achseln. „Selbstverwirklichung vielleicht?“
„Aber dann ist sie doch zurückgekommen?“
„Nach zwei Monaten“, sagte Koflacher, „da kann sich einiges abspielen.“
„Und warum sollte der Herr Weiskopf unter diesen Umständen eine so liebevolle Botschaft auf die
Straße geschrieben haben?“
„Er hat eben alles versucht. Für ihn lag es vielleicht nahe. Schließlich ist er Maler.“
„Haben Sie mal probiert, den Herrn Weiskopf kennen zu lernen?“
„Ja, freilich.“ Koflacher winkte den Kellner herbei und bestellte noch ein Bier. „Sie auch?“
Ich nickte. „Und was ist das für ein Mann?“
„Eigentlich ganz nett, sehr beschäftigt halt, der ist ständig unterwegs. Aber“, Koflacher nickte
anerkennend, „a ganz a guat’s Geschäft hat er sich aufgebaut.“
„Und die Frau?“
„Ja, die Frau“, Koflacher lächelte etwas versonnen, als erinnere er sich an seine eigene Jugend.
„Die Frau Weiskopf, die hat so was.“
„Was soll sie denn haben?“ fragte ich. „Fünf Kinder hat sie und einen Haufen Arbeit.“
„Sechs sind’s inzwischen.“
„Haben Sie den Herr Weiskopf mal gefragt, ob er die Schrift oben im Wald kennt?“
Koflacher nickte.
„Und?“
„Gelacht hat er.“
„Nur gelacht?“
„Nein. Er hat auch was gesagt. ,Die Konkurrenz schläft nicht. Früh übt sich, was ein Maler werden
will‘ oder so ähnlich.“
Ich trank mein Bier aus. „Ich glaube, wir lassen es dabei, Herr Koflacher, Sie haben sich redlich um
diese Schrift bemüht, aber so ist es nun einmal: geschrieben und verweht.“
„Ich hätte da noch einen Fall in Oberbeerling“, sagte Koflacher, „ähnlich gelagert.“ Mir fiel ein, dass er
von mehreren „Verdächtigen“ gesprochen hatte.
„Ach, wissen Sie, Herr Koflacher, lassen wir es. Vielleicht erfahren wir einmal durch einen Zufall, wie
das zu Stande gekommen ist.“ Es war ein wenig kühl geworden, Anlass, den Abend zu beenden.
Koflacher konnte die paar Schritte zu Fuß nach Hause gehen, für mich waren es mit dem Auto auch
nur wenige Minuten bis nach Findling in die Schneehalter Straße.
„Da wohnen Sie?“ wunderte sich Koflacher zum Abschied. „Ja, wir Spatzenberger benutzen schon
komische Namen – manchmal wenigstens. Aber wenn man länger hier wohnt, fällt’s einem gar nicht
mehr auf.“
Während ich nach Hause fuhr, dachte ich an Koflachers Geschichte. So weit von der Wahrheit befand
er sich vielleicht gar nicht. Vielleicht hatte diese Frau Weiskopf jemandem den Kopf verdreht und war
dann wieder zu ihrem Mann und zu ihren Kindern zurückgekehrt. Daraufhin hatte der allein gelassene
Liebhaber sich schriftlich geäußert. Immerhin konnte er damit rechnen, dass Erna Weiskopf geborene
Margreither, sein Bekenntnis zu Gesicht bekäme. Zumindest passte das zu Arthur Weiskopfs
Bemerkung: „Die Konkurrenz schläft nicht und früh übt sich, was ein Maler werden will.“ Na ja, dachte
ich, als ich in die Schneehalter Straße einbog, dann hätte ja alles wieder seine Ordnung.
Nach dem Abend im Allseiter Hof in Derfling hatte ich diese Geschichte innerlich ad acta gelegt.
Einmal waren Koflacher und ich uns in Derfling noch über den Weg gelaufen, aber wir hatten einander
nur freundlich begrüßt und nicht mehr über seine Nachforschungen gesprochen.
Heute war Sonntag. Ein Sonntag im September. Über dem Spatzenberger See spannte sich ein seidig
blauer Himmel aus, es würde sicher noch einmal warm werden. Ein idealer Tag für eine morgend-
liche oder vormittägliche Radtour. Noch waren kaum Menschen unterwegs, die Landschaft leuchtete
einladend in goldenen und smaragdenen Farbtönen, es war fast windstill. Dennoch lag schon ein
wenig Herbst in der Luft. Ich schwang mich aufs Rad und fuhr über Beerling nach Axing, weiter nach
Kultstetten – es war ja Sonntag, ich hatte Zeit. Also fuhr ich noch hinüber nach Verding und Bocksberg,
schaute von dort auf den Ammersberger See hinunter und gelangte nach einer weiteren Dreiviertel-
stunde zum Kloster Allseits, dem Wahrzeichen des Spatzenberger Landes. Sollte ich schon nach
Hause fahren? Nein, ich beschloss, im Allseiter Klostergarten zu frühstücken.
Danach fuhr ich nach Achterding und wieder einmal zum Gut Kirschbach. Und dann ein Stück durch
den Wald, auf die Straße nach Entenhausen und nach links „meine“ Straße hinunter nach Oberderfling
und weiter nach Derfling. Die Schrift – diesmal leuchtete sie schon von weitem. Lag das an dem
brillianten Spätsommerlicht? Aber nein, da stand ja jemand. Ich bremste und näherte mich der
Inschrift im Schritttempo. Eine blonde Frau stand da. Sie trug Turnschuhe, Blue Jeans, hatte einen
weißen Pulli an und bückte sich gerade über das Ende der Inschrift „…..fehlst mir.“ In der rechten
Hand hielt sie einen Pinsel, neben ihr stand ein Farbtopf, der aussah wie eine etwas zu groß geratene
Konservendose mit einem Drahthenkel. Was tat sie denn da? Ich hielt an, die Frau richtete sich auf,
sie hatte gerade den letzten Buchstaben nachgezogen. Ich stand mitten auf der Fahrbahn, sie ein
paar Meter rechts von mir. Ihr Gesicht war ein wenig rot angelaufen, – vom Bücken oder weil sie
überrascht worden war?
„Hallo“, grüßte ich. Sie lächelte freundlich. Ein nettes, offenes Gesicht war mein erster Eindruck. Sie
wirkte schon erwachsen, auf Anfang oder Mitte dreißig schätzte ich sie. „Guten Morgen.“ Sie erwiderte
meinen Gruß und trat ganz auf die Seite der Straße, als erwarte sie, dass ich weiterfahre.
„Haben Sie das geschrieben?“ fragte ich.
„Ja, das sehen Sie doch.“ Ihre anfängliche Verlegenheit war schnell verflogen.
„Aber wer ist denn diese Prinzessin?“
Jetzt hatte sie verstanden. „Sie meinen, ob die Botschaft von mir ist?“
Ich nickte. „Ja, ich komme hier oft mit dem Fahrrad lang, und jedes Mal frage ich mich, wem diese
Botschaft wohl gilt oder gegolten hat, denn sie steht hier ja schon eine lange Zeit. Wer ist diese
Prinzessin?“
„Nein, wer das ursprünglich geschrieben hat, das weiß ich auch nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich
wohne da unten im Dorf.“ Sie zeigte nach rechts hinunter, wo man durch die Baumstämme hin und
wieder ein Dach oder eine weiße Wand sah.
„Entenhausen?“
Sie nickte. „Eines Tages stand der Satz einfach da. Es war ein Frühlingstag, und die Buchstaben
leuchteten so hell zwischen all dem jungen Grün. Es hat mir einfach gefallen.“
„Und Sie wissen nicht, wer es geschrieben hat – ich meine, der Satz war nicht an Sie gerichtet?“ Sie
lachte. „Weiß man’s?“ Beim Lachen entstanden auf ihren Wangen zwei hübsche Grübchen. Ich muss
sie ziemlich unverwandt angestarrt haben, denn sie wurde wieder ernst und sagte. „Nein, keine
Ahnung.“
„Aber warum erneuern Sie dann die Schrift? So schön weiß habe ich sie lange nicht gesehen.“
Sie lächelte ein wenig verlegen. „Es ist so eine reizende Liebeserklärung, es tat mir Leid mitanzu-
sehen, wie die Buchstaben langsam verwitterten.“
„Und da haben Sie angefangen, sie nachzuziehen?“
„Ja. Finden Sie das komisch?“ Plötzlich lachte sie wieder. Vermutlich bot ich in meinem Raddress
einen lächerlichen Anblick. Jedenfalls den Helm sollte ich abnehmen.
„Kommen Sie ein wenig auf die Seite, ein Auto…“
Ich setzte meinen Helm ab und klemmte ihn unter den Arm.
Tatsächlich kam nach etwa zehn Sekunden ein kleiner Wagen von unten heraufgefahren. Nachdem
das Auto die Schrift passiert hatte, trat sie wieder auf die Straße und musterte die Stellen, an denen
die Reifen die Schrift überquert hatten. Die Farbe war schon trocken. Sie schien zufrieden.
„Das reicht jetzt eine Weile, wahrscheinlich bis zum Frühjahr.“ Sie verschloss ihre Farbdose und zeigte
nach oben. „Mein Auto steht da“, sagte sie. Und tatsächlich. Sie hatte einen kleinen roten Fiat neben
der Straße geparkt, fast schon zwischen den Bäumen. Ich hatte ihn nicht bemerkt.
„Also keine Geschichte“, sagte ich. Es muss enttäuscht geklungen haben, denn sie ging auf meine
Bemerkung ein. „Keine einzelne Geschichte“, sagte sie, „dafür vielleicht viele Geschichten.“
„Wie meinen Sie das?“
„Dies ist eine recht einsame Straße, aber so einsam ist sie nun auch wieder nicht. Radfahrer kommen
hier lang – meistens Männer“ – da spielte wieder dieses belustigte Lächeln um ihr Lippen, „manchmal
kommen auch Wanderer, Autos aus Kirschbach, aus Derfling, Oberderfling, und alle denken über
diesen Satz nach.“
„Glauben Sie?“
„Na, vielleicht nicht alle, aber doch die meisten, die hier lang kommen. Und dann merken sie vielleicht,
dass ihnen auch jemand fehlt – ihre Prinzessin, oder eine, die es sein könnte. Und die Frauen
wünschen sich, dass die Botschaft ihnen gelte. Oder sie finden, dass ihnen auch jemand fehlt,
jemand, der neben ihnen her lebt oder weit weg ist – je nachdem, und der sich vielleicht freuen würde
über ein Wort, eine Berührung. Oder darüber, dass mit einem Mal das Telefon klingelt oder der
Briefträger einen Brief ins Haus bringt.“ Sie lachte. „Jedenfalls wäre es schade, wenn sie verschwände.
Deshalb.“
„Es klingt ja auch hübsch: Prinzessin, du fehlst mir. Ich sage es immer vor mich hin, wenn ich drüber
fahre.“
„Das geht vielen so.“
„Vielleicht treffen wir uns hier einmal wieder – jedenfalls werde ich an Sie denken, wenn ich hier lang
fahre.“
Sie wandte sich zum Gehen. „Es war nett, mit Ihnen zu plaudern.“
„Ja, ganz auf meiner Seite.“
Ich setzte meinen Helm wieder auf und fuhr weiter, winkte aber noch einmal, bevor ich in eine Kurve
bog und sie aus den Augen verlor.
Während ich bergab glitt, fiel mir ein, dass ich mich nicht vorgestellt hatte. Typisch. Auch ihren Namen
hatte ich nicht erfahren. Das lag nur an diesem blöden Helm und an diesen eng anliegenden Hosen,
an diesem ganzen unmöglichen Aufzug, den ich beim Radfahren trage. Schade eigentlich. Aber jetzt
wusste ich mehr über diese Botschaft als ich durch Koflacher erfahren hatte.
Ich würde an die blonde Frau denken, wenn ich hier lang fuhr. Nur dann? Vielleicht auch zu anderen
Zeiten, vielleicht würde sie mir nicht mehr aus dem Sinn gehen? Was wäre dann? Sie hatte etwas.
Hatte Koflacher nicht neulich in diesen Worten von Frau Erna Weiskof gesprochen und dazu verson-
nen gelächelt? Wir werden sehen. Es war blöd von mir, mich nicht vorzustellen, wir hätten uns doch
wenigstens miteinander bekannt machen können. Mir fehlt es da an einer gewissen Leichtigkeit.
Immerhin weiß ich, wie sie aussieht, dass sie einen kleinen roten Fiat fährt und dass sie in
Entenhausen wohnt. Das müsste eigentlich reichen. Notfalls würde ich Koflacher bitten, mir noch
einmal behilflich zu sein.

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