Die Heimkehr

Autor Jürgen Drews

Es ist noch früh am Tage, als ich meinen Anstieg beginne. Hinter den Bergen im
Osten ist die Sonne bereits aufgegangen. Die Aura von Licht, mit der sie die
Konturen der Gipfel und Grate im Osten umgibt, strahlt von Minute zu Minute heller.
Die hoch gelegenen Hänge gegenüber im Westen leuchten bereits im Sonnenlicht:
smaragdfarben die Wiesen, stumpfer das dunklere Grün der Nadelwälder. Die
gekalkte Fassade eines Bauernhofs blitzt auf, als hätte sich ein Lichtstrahl in einen
Edelstein verirrt, daneben schimmert das dunkle und beruhigende Braun der
Scheunen und Speicher.
Um mich her ist es kühl. Im Dorf regen sich die ersten Stimmen, neben mir rauscht
und plätschert ein Bach, der von da oben kommt, wo die Sonne schon scheint und
wo ich hin will. Eine Stunde vielleicht, dann bin ich oben an meinem kleinen Haus –
das Licht kommt mir entgegen, es wird mich erreichen, wenn ich den Wald
durchwandere. Der Himmel spannt sich über mir wie blasse, fein gesponnene
Seide. Ich freue mich über den Morgen, den Anfang eines neuen Tages – meines
Tages – und schreite kräftig aus. Trotzdem, so scheint es mir, komme ich nicht
schnell voran, immer noch führt mein Weg an Häusern vorbei, an Häusern, die
aussehen, als habe man sie gerade erst gebaut. Allerlei Schutt und Unrat liegen
noch in der Nähe, was ich nie bemerkt habe, wenn ich früher diesen Weg ging.
Mein Weg senkt sich mit einem Male, als wolle er nach unten führen, in eine Senke
oder in ein tiefer gelegenes Tal. Es ist eine Unterführung, die ich ebenfalls nie
bemerkt habe. Der Weg führt unter einem Damm hindurch, auf dem Züge hin- und
herfahren. Er wird breiter, ist asphaltiert. Über mir donnern die Waggons eines
Güterzuges. Als ich am anderen Ende der Unterführung wieder das Tageslicht
erreiche, rollen die Waggons noch immer. Neue Hausfassaden sehen mich an,
fremd und abweisend, als kennten wir uns nicht. Der Bach an meiner rechten
Seite rauscht nicht wie eben, er läuft fast geräuschlos durch ein Betonbett, das die
Böschungen der angrenzenden Wiesen mit einbezieht. Das Wasser des Baches
ist braun wie aufgeschwemmter Lehm, obwohl es nirgends geregnet hat. Die
Tannen, zu denen mein Weg führt, weichen zurück, nicht einzeln, nein, die ganze
hohe Front der Nadelbäume, die den Wanderer an dieser Stelle einst aufnahm
in ihren Schatten und in den um diese Tageszeit noch verhaltenen Duft nach
Harz und Nadeln, weicht aus nach oben und zu den Seiten.
Der Weg verbreitert sich unter meinen Schritten. Wo ich sonst über Wurzeln und
Steine ging, setze ich nun meine Schritte auf glatt gebügelten Asphalt. Ein Sirren
ertönt über mir. Durch den blauen seidigen Himmel laufen dicke Kabel von einer
Hochspannungsleitung. Bald weitet sich der Wald zu einer neuen Lichtung, in
der die Talstation einer Schwebebahn Platz gefunden hat. Noch ist dort niemand
zu sehen, aber schon laufen die Gondeln leise klappernd aus der Station in die
Höhe. Andere kommen vom Berg und prallen mit lautem Getöse auf die sich in
der Station stauenden Waggons. In der Ferne, hinter mir, höre ich immer noch die
unablässig rollenden Waggons des Güterzuges. Weiter über Wiesen und durch
Buschwerk. Überall Baustellen: Kräne wie Galgen, Kies, Schutt, Zementmischer
und Lastwagen, die bald über behelfsmäßige Straßen ins Tal rollen werden, um
mehr Bauteile, mehr Kies, mehr Steine, Ziegel, Rohre und Becken zu holen. Ich
habe nicht auf die Schläge der Kirchturmuhr unten im Dorf geachtet. Jetzt höre ich
sie, bleibe einen Augenblick stehen und lausche ihren Schlägen. Zwölf Uhr. Mittag.
Eine Sirene ertönt. Es ist Mittagspause. Bin ich denn schon so lange unterwegs?
Sechs Stunden? Und plötzlich, in dem Augenblick nach dem Mittagsgeläut, wird mir
klar, wie laut das Getöse aus dem Tal zu mir heraufklang. Jetzt, wo es aufhört, wo
es still wird, bemerke ich den Dunst von Lärm, der mich einhüllte. Die Waggons
donnern und schlagen immer noch. Ich bin verwirrt und entmutigt. Längst, längst
sollte ich am Ziel meines Weges sein. Ich bleibe einen Augenblick lang stehen,
fühle mich schwach, müde, als hätte ich einen langen Weg hinter mir. Dabei sind
es doch nur ein paar Schritte vom Dorf hier herauf. Ein Baumstumpf. Ich setzte mich
und sehe, wie eine Schlange aus dicken gelben Rohren sich bergab durch die
Wiesen windet in weiten Bögen – langsam, aber, so scheint es, durch nichts aufzu-
halten. Niemand begleitet die gelbe Schlange. Sie findet ihren Weg allein, von
Baustelle zu Baustelle, von Haus zu Haus kriecht sie zu Tale. Mit einem Schlage
lärmt es wieder, es hämmert, Sägen singen und kreischen, schwere Gegenstände
schlagen aufeinander. Mein Bach ist verschwunden, aber eine Straße führt bergan.
Die Straße ist jetzt breit, ein weißer Mittelstreifen trennt ihre Fahrbahnen. Autos,
Lastwagen quälen sich bergan oder rollen klappernd und Staubwolken aufwirbelnd
zu Tal. Es ist heiß, kein Baum spendet Schatten, aber ein kleines Stück oberhalb
steht ein Gasthaus dicht an der Straße. Kein Gasthaus wie ich es kannte. Macky’s
Bar und „Heute Abend American Table Dance.“
Ich will nur einen Schluck trinken. Wasser genügt. In der Gaststube sind alle Tische
besetzt, an der Theke drängeln sich Menschen, die meisten von ihnen sind Arbeiter,
Bauarbeiter mit harten Plastikhelmen in blauer Kluft. Über einen riesigen Fernseh-
schirm flimmert etwas. Was? Ich weiß es nicht, niemand nimmt von mir Notiz, ich bin
schon wieder draußen. Am Eingang steht einer der Arbeiter und raucht eine Zigarette.
Ich frage ihn nach der Hagleite. So heißt der schmale Fußweg, der zu einer kleinen
Gruppe von Häusern führt, auch zu meinem Haus. Der Mann beachtet mich nicht. Er
scheint mich überhaupt nicht zu bemerken. Dabei berühre ich ihn fast, als ich mich
durch den Eingang ins Freie zwänge. Ich frage noch einmal, etwas lauter und
entschuldige mich zugleich. Aber der Mann nimmt mich nicht wahr. Er wirft seine
Zigarette auf die Erde und tritt sie mit dem linken Fuß aus. Mit ein paar drehenden
Bewegungen. Er sieht durch mich hindurch. Ein Gefühl von Demütigung beschleicht
mich. Warum müssen diese Arbeiter so unfreundlich sein? Warum sagen sie mir
nicht einfach, sie wissen auch nicht, wie man zur Hagleite kommt? Ich bin wieder
draußen. Gott sei Dank. Ich finde meinen Weg schon allein, rede ich mir gut zu.

Die Straße ist inzwischen dreispurig geworden, streckenweise führen zwei Spuren
nach oben, an anderen Stellen nur eine. Entsprechend verhält es sich mit den
Spuren, die ins Tal führen. Eine solche Straße braucht, zumal in exponierten Kurven,
starke Stützmauern, die wie Bergwände aus den Wiesen ragen. Ich kenne mich nicht
mehr aus auf dieser Straße, schnell fahrende Wagen bedrohen mich, streifen fast
meine Kleidung. Was sind das für Fahrzeuge? Ich habe solche Autos noch nie gesehen.
Zum Glück führt die Straße jetzt einen Gehsteig mit sich, der durch eine hohe Schwelle
von der Fahrbahn getrennt ist. Hier fühle ich mich sicherer. Weiter steil bergan. Längst
hat die Sonne ihren Zenit erreicht, und immer noch bin ich auf dem Wege, der mich von
meinem kleinen Dorf zu meinem Haus bringen soll. Nur ein paar Kilometer, oben am
Hang. Noch immer irre ich durch eine mir fremde Gegend und hoffe, hinter jeder Biegung
der Bergstraße vertrautes Gelände zu erblicken. Stattdessen öffnet sich vor mir ein
Tunnel. Ich kann mich an einen Tunnel nicht erinnern. Den gab es doch gar nicht.
Glücklicherweise führt auch der Gehsteig in den Tunnel, er hat nun sogar ein Geländer
und ist schwach beleuchtet. Außerdem ist es kühl. Ich schöpfe wieder ein wenig Mut.
Sicher überwindet der Tunnel den kleinen Vorberg, den man früher umgehen oder
übersteigen musste, um zu meinem Haus zu gelangen, auf direktem Wege. Noch immer
flitzen eiförmige Fahrzeuge fast lautlos an mir vorbei. Wenn sie von hinten kommen, höre
ich den Luftzug, mit dem sie an mir vorbeifahren. Die Entgegenkommenden sehe ich
schon lange im Voraus. Ich erkenne ihre Lichter, die in der Ferne plötzlich in das Dunkel
stechen wie Nadeln. Wie lang der Tunnel ist! Ich sehe auf einmal nichts mehr, alles um
mich herum ist schwarz. Nur weiter! Wo ein Eingang ist, rede ich mir zu, muss auch ein
Ausgang wieder ins Freie führen. Also halte ich mich am Geländer fest und lasse mich
vom Verlauf der oberen Stange leiten. Darin habe ich jetzt schon einige Übung. Das
Geländer scheint mich nach links zu führen, ich folge, meinen Schritt ein wenig verlang-
samend. Was steckt dahinter? Doch dann erblicke ich vor mir, dort, wo das Handgeländer
mich hinführt, eine kleine helle Öffnung. Das Ende des Tunnels. Von da, so sage ich mir,
kann es nicht mehr weit sein bis zu meinem Haus, wenn meine Annahme stimmt, wenn
also der Tunnel wirklich den kleinen Vorberg durchsticht, der wie ein Kamelhöcker aus
dem großen Südhang herausragt, an dem mein Haus steht, wenn diese Vermutung richtig
ist. Ich müsste doch längst daheim sein. Die Tunnelöffnung kommt langsam näher, ich
sehe sie vor mir, wie eine rund überwölbte Öffnung in die Freiheit, wie ein Versprechen,
dass dies alles nur ein Spuk war. Dahinter, rede ich mir ein, hinter dieser Öffnung würde
ich mich wieder auskennen. Es dämmert schon, als ich den Ausgang erreiche, die Sonne
ist bereits im Westen hinter dem Berghang verschwunden, nun leuchten gegenüber die
östlichen Gipfel, die noch angestrahlt werden. Die Straße wird jetzt wieder schmaler. Es
gibt nicht viele Häuser hier oben, immer noch mehr, als ich vermutet hatte, aber doch
weniger als weiter unten. Auch der Lärm hat nachgelassen. Man hört zwar die Waggons
unten im Tal noch rollen, auch dringen immer noch stampfende und schlagende
Geräusche zu mir herauf, aber das alles ist gedämpfter. Ich bin nun nicht mehr in Lärm
eingehüllt wie zuvor. Wenn ich da vorn an dieser Kurve, sie kommt mir bekannt vor, ins
Tal sehe, dann müsste ich das Dorf erblicken. Das ganze Tal müsste von dort zu sehen
sein, und ein Stückchen weiter oben, über einen Fußweg erreichbar, läge unser Haus.
Die Kurve kommt näher, in kleinen wippenden Bewegungen, die meinen wiederbelebten
Schritten entsprechen, kommt sie näher, jetzt rutscht der Talboden, der westliche Teil, in
mein Gesichtsfeld, jetzt überblicke ich alles – und verstehe nicht, was ich sehe.
Denn da unten breitet sich eine große unübersehbare Stadt aus, die nicht nur das lange
Tal ausfüllt, sondern sich auch in alle von hier sichtbaren Nebentäler hineingefressen
hat und die sich auch auf dem Weg, den ich gekommen bin, ein Stück weit fortsetzt. Nichts
ist mir vertraut, manches alt, vieles neu, aber alles fremd. Nur die Berggestalten sind wie
früher. Die Wiesensteine, der große und der kleine, der hoch aufragende Turm des
Sonnberges im Osten, fast eine Bastion. Wenigstens die Berge erkenne ich wieder.
Was um Himmels willen ist mir geschehen in den unerklärlichen Stunden, die ich nun
unterwegs bin? Ich wende mich wieder nach oben und stoße – nach allem, was mir heute
begegnet ist, erscheint es mir fast wie ein Wunder – auf den kurzen schmalen Fußweg,
der zu unserem Haus führt. Das Haus ist von riesigen Fichten umstanden. Im Schatten
dieser gewaltigen Bäume verschwindet es fast. Es hockt da, wie ein missmutiger Zwerg,
aber es ist das Haus, zu dem ich so viele Male aus dem Dorf kommend hinaufgestiegen
bin. Jetzt erklimme ich die Holzstiegen und gehe empor zur Veranda. Sie schwankt ein
wenig unter meinem Gewicht – oder schwanke ich? Bin ich so müde? Müde vom langen
Weg und von den Enttäuschungen und Beunruhigungen, die mich dabei heimsuchten?
Aber hier kenne ich mich ja aus. Ein Gefühl der Erleichterung befällt mich, fast ein Gefühl
von Erlösung. Der Schlüssel – ja hier, ich habe den Schlüssel in meiner Hand, aber er
schließt nicht. Das Schloss der Eingangstür reagiert nicht auf die Drehung meiner Hand.
Ist es doch das falsche Haus? Nein, es kann nicht … Hinter mir steht plötzlich eine Gestalt.
„Was suchen Sie denn hier?“ fragt mich eine Stimme, die ich kenne.
„Ich will in mein Haus“, erwidere ich ärgerlich und gereizt wie jemand, dem man sein Recht
verweigert, ein offen zu Tage liegendes unbestreitbares Recht.
„Ist das denn Ihr Haus?“ fragt die Stimme nun sehr verwundert, aber nicht ungläubig.
Die Bereitschaft, mir zu helfen, schwingt mit in der Frage.
„Ja, natürlich“, sage ich, „sonst würde ich hier doch nicht …“
„Geben Sie es auf“, sagt die Stimme, „Ihr Schlüssel passt nicht, wir haben das Schloss
erneuert. Das Haus stand so lange allein – unbewohnt. Ich bin Erik“, sagt die Stimme und
fragt noch einmal in dem verwunderten und ungläubigen Ton ihrer ersten Frage: „Ulrich?“
„Ja“, antworte ich und drehe mich um. Warum dieser Blödsinn, soll das ein Witz sein?
schießt es mir durch den Kopf. Ich will ihn sehen, den Besitzer dieser Stimme, meinen
Nachbarn, Erik. Vor mir steht ein alter Mann. Etwas in seinen Zügen erinnert mich an Erik,
aber das, was ich kenne, liegt begraben unter dem Geröll, das viele Jahre in diesem
Gesicht hinterlassen haben müssen.
„Ulrich, dass du noch einmal wiederkommst“, wundert sich die vertraute Stimme, und
das alte Gesicht nimmt einen freundlich-vorwurfsvollen, aber auch resignierenden
Ausdruck an. „Nach so vielen Jahren“, sagt Erik. „Komm“, fügt er dann hinzu und schiebt
mich beiseite. Er klappert mit seinem Schlüsselbund, und plötzlich öffnet sich die Tür.
Der vertraute Geruch nach Holz und nach ein wenig feuchtem Keller umfängt mich.
Erik betätigt ein paar Schalter und mit einem Mal ist wieder alles ganz normal. Das
Sofa, der Esstisch, die Sessel, drüben die Küche, alles so wie immer, nichts, aber
auch gar nichts hat sich verändert. Erik drückt mir seinen – meinen – Schlüssel in die
Hand.
„Du musst müde sein, siehst jedenfalls so aus“, sagt er und schüttelt immer wieder
den Kopf. „Nach so vielen Jahren, damit hat niemand mehr gerechnet.“
Im Eisschrank liegen noch ein paar Flaschen Bier. Ich biete Erik an zu bleiben, aber
er besteht darauf, dass ich müde sein müsse. „Sieh doch mal in den Spiegel“, sagt
er und fährt fort: „Nein, das hat alles Zeit bis morgen, morgen erzählst du mir, was du
so getrieben hast, morgen, wenn du ausgeschlafen hast, erzählst du mir dein Leben.“
Und damit verschwindet er und ist bis heute nicht zurückgekommen, obwohl es draußen
hell und wieder dunkel und wieder hell und abermals dunkel geworden ist und ich
seinen Schlüssel noch immer habe, der ja auch mein Schlüssel ist. Ich wage nicht,
das Haus zu verlassen, weil ich Angst vor der Fremde habe, die vor meiner Tür beginnt.
Also sitze ich hier und warte auf Erik oder auf irgendjemanden, der vorbeikommt und
mir erklärt, was geschehen ist.

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